Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis (Mt 15,21-28)

Jesus lernt dazu

Unser Glaube sagt, dass Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Als wahrer Mensch nun hat er, wie uns das heutige Evangelium sehr eindrucksvoll schildert, in seinem Leben auch dazu gelernt.

Jesus ist davon überzeugt, dass seine Sendung darin besteht, dem Volk Israel deutlich zu zeigen, dass das seit Jahrhunderten erwartete messianische Reich Gottes durch ihn angebrochen ist. Die Kanaaniter gehörten nicht zum Volk Israel, waren also nicht seine Zielgruppe. Ungewöhnlich abweisend reagiert Jesus daher auch auf die Bitte der Frau aus Kanaa: „Mit der habe ich nichts zu tun, die geht mich nichts an!“

Das Evangelium zeigt allerdings auch, dass Jesus lernfähig ist. Die Frau gibt nicht auf, es kommt zur Diskussion, die Frau lässt sich nicht einmal durch Beleidigungen aus dem Konzept bringen, und schließlich begreift Jesus, dass der Glaube dieser Frau groß ist, dass also auch sie ein Recht hat, vom Reich Gottes zu profitieren und Heilung für ihre Tochter zu erfahren.

Vielleicht ist es ja gerade das, was uns diese Bibelstelle heute sagen will: unsere Glaubensinhalte sind nicht starr festgelegt, sondern können sich verändern. Nicht nur Jesus war lernfähig, auch wir sollen das sein – und ein Blick in die Kirchengeschichte macht uns deutlich, dass die Kirche im Laufe ihrer zweitausendjährigen Geschichte so wie Jesus immer wieder dazugelernt hat, auch wenn so manche Veränderungen sehr langsam erfolgten.

Zur Zeit des heiligen Franz von Sales war es das Trienter Konzil, das längst fällige Reformen beschloss, die durch die Reformation ausgelöst wurden. Franz von Sales hat sich sein Leben lang bemüht, diese Erneuerungen in seiner Diözese umzusetzen. Die Reformierten wurden dabei von ihm nicht verdammt, er nannte sie seine Schwestern und Brüder und setzte, teilweise sehr erfolgreich, auf Dialog und Diskussion.

Davon und natürlich auch von der Kanaanäerin des heutigen Evangeliums lernen wir: Aufgeben ist keine Option – selbst wenn zunächst niemand auf meine Anliegen reagiert oder man sogar fortgejagt wird. Beharrlich bleibt die Kanaanäerin Jesus auf den Fersen, sogar dann, als sie von ihm mit den Hunden gleichgesetzt wird.

Was wir ebenfalls daraus lernen: Es braucht gute Argumente und es ist gar nicht so schlecht, wenn diese Argumente manchmal mit Humor gewürzt sind, so wie die Brotkrumen, die vom Tisch herunterfallen und den kleinen Hunden dienen.

Leider setzen heute sehr viele Menschen gegenüber den kirchlichen Institutionen nicht mehr auf Beharrlichkeit und Humor, sondern wenden sich einfach von der Kirche ab: Mit dieser Kirche will ich nichts mehr zu tun haben, sie geht mich nichts mehr an. Vielleicht sollten wir ja die Kanaaniterin als Schutzpatronin für diese Menschen anrufen, die beharrlich allen Abweisungen Jesu widerstand und schließlich sogar nicht nur recht bekam, sondern von Jesus sogar mit dem Prädikat „großer Glaube“ ausgezeichnet wurde.

Für unsere eigene Gottesbeziehung könnten wir uns das merken, was Franz von Sales einmal schrieb: „Gefällt es Gott, uns stehen zu lassen, ohne mit uns zu sprechen, als ob er uns gar nicht sähe und wir gar nicht in seiner Gegenwart wären, so dürfen wir trotzdem nicht fortgehen, sondern müssen im Gegenteil vor der unendlichen Güte in frommer und ruhiger Haltung verharren. Dann wird Gott unfehlbar … unsere unbeirrbare Beharrlichkeit sehen und … uns mit seinen Freuden beschenken“ (DASal 1,81). Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS