Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis (Mt 20,1-16)

Gottes große Barmherzigkeit

Um gleich ein Missverständnis aus dem Weg zu räumen: In diesem Gleichnis, das wir gerade hörten, geht es nicht um Politik oder soziale Gerechtigkeit. Jesus fordert hier keinen Mindestlohn für alle. In diesem Gleichnis geht es vielmehr um die große Barmherzigkeit Gottes, die für jeden Menschen, egal wo und wann in gleicher Weise gilt. Und es geht um die Frage, wie wir mit dieser Barmherzigkeit umgehen, ja, ob wir diese Großzügigkeit Gottes überhaupt akzeptieren und aushalten können. Das wird am Ende des Gleichnisses sehr deutlich, wo der Gutsherr sagt: „Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.“

Theologisch ausgedrückt: Es geht um das Reich Gottes, es geht um das ewige Leben in Gottes liebender Gegenwart. Die Entscheidung darüber, wem dieses Leben zusteht und wem nicht, diese Entscheidung trifft Gott allein, niemand sonst. Dieses Leben in Fülle, ewiges Leben in Vollendung ist jedem Menschen versprochen, so wie der eine Denar im Gleichnis, den zur Zeit Jesu ein Tagelöhner pro Tag brauchte, um seine Familie ausreichend ernähren zu können.

Bei den Menschen vor zweitausend Jahren spielte die Gerechtigkeit Gottes eine sehr große Rolle. Es hieß allgemein: Nur wer alle Gebote und Gesetze punktgenau erfüllt, wird am Ende seines Lebens den Lohn dafür erhalten. Daraus entstand dann aber leider die Selbstgerechtigkeit des Menschen: Wenn ich alle Gebote und Gesetze genau erfülle, kann ich mir das Himmelreich verdienen, wer das nicht tut, eben nicht. Plötzlich entschied der Mensch, wie Gott in seiner Gerechtigkeit zu urteilen und zu handeln hat. Wer das Gesetz erfüllt, wird belohnt, wer es nicht erfüllt, der zieht den Kürzeren.

Jesus macht uns mit seinem Gleichnis deutlich, dass diese Vorgangsweise falsch ist. Gott ist und bleibt in seinen Entscheidungen der souveräne Herr, er allein entscheidet, wer welchen Lohn erhält, und seine Barmherzigkeit ist eben weit größer als seine Gerechtigkeit. Jeder Mensch hat deshalb zu jeder Zeit immer eine Chance, bis zu seiner letzten Stunde. Der heilige Franz von Sales sagte darüber einmal: „Die Barmherzigkeit Gottes ist unendlich größer als alle Sünden der Welt“ (vgl. DASal 12,77).

Das war für ihn aber nicht der Freibrief dafür, dass man im Leben deshalb tun und lassen kann, was man will, denn es genügt ja, wenn ich mich in meiner letzten Stunde bekehre. Ganz im Gegenteil: Die große Barmherzigkeit Gottes ist die Motivation dafür, Gott noch intensiver nachzufolgen. Die Botschaft Jesu von der Barmherzigkeit Gottes motivierte zahlreiche Sünderinnen und Sünder zur Umkehr. Denken wir nur an den Zöllner Zachäus oder die Sünderin Maria Magdalena. Der Grund dafür war, dass diesen Menschen plötzlich bewusst wurde: Ich bin ja gar nicht verloren, wie alle sagen, sondern ich habe immer noch eine Chance – und die möchte ich jetzt wirklich nützen.

Gott gibt uns durch seine Barmherzigkeit das Gefühl, dass selbst der größte Sünder wertvoll ist – und das tut gut, das motiviert zum Guten, mehr jedenfalls als das Pochen auf Gerechtigkeit. Davon war Jesus überzeugt. Lassen wir uns von dieser Überzeugung ebenfalls motivieren – jeden Tag neu und preisen wir Gott so wie Franz von Sales, als er schrieb: „O Gott, ich preise Deine Barmherzigkeit und nehme dankbar das Geschenk an, das du in deiner Güte mir anbietest.“ (DASal 1,58). Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS