Predigt zum 60jährigen Priesterjubiläum P. Esser & P. Karduck

Die Freude nicht nehmen lassen

Bei der Vorbereitung der Predigt habe mich an lang vergangene Zeiten erinnert, als es noch zwei getrennte deutsche Provinzen gab und P. Karduck, P. Esser und auch andere Mitbrüder zu uns nach Österreich zu bestimmten Anlässen kamen.

Ich erinnere mich die vornehme, sehr klare Sprache bei Predigten, Vorträgen, Exerzitien, und dann die großartige Musik des Blasorchesters und der Orgel.

Es war nie nur musikalisch oder sprachlich beeindruckend, sondern immer auch inhaltlich und theologisch tiefgründig und die Musik stimmig, berührend und beseelt.

Mir ist auch eingefallen, als ich 2009 nach Overbach kam, und ich von „Stiegen“ sprach und vor dem Essen „Mahlzeit“ sagte, und dann ein Pater, den wahrscheinlich viele von Ihnen gekannt haben und 2015 verstarb, in seiner trockenen, unmissverständlichen Art meinte: „Deutschland und Österreich teilen fast die gleiche Sprache – aber nur fast. Es heißt nicht ‚Mahlzeit‘ sondern ‚Guten Appetit‘. Es heißt nicht ‚Stiegenhaus‘ sondern ‚Treppenhaus.‘“ Die Botschaft kam an, und es wurde mir augenblicklich klar, wo das richtige Deutsch gesprochen wird.

Ich scheine dazugelernt zu haben, sonst würde ich heute nicht predigen dürfen.

Die Lesung (Röm 13, 8-10) und vor allem der Schlusssatz des heutigen Evangeliums (Mt 18, 15-20) – Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen – bringen auf den Punkt, worin die Aufgabe eines Priesters besteht:

Menschen einladen und zu einer Gemeinschaft zusammenbringen;

immer wieder erinnern, dass die Liebe die Erfüllung von allem ist;

und aufmerksam machen – durch das gesprochene Wort und durch Musik -, dass Gott mitten unter uns gegenwärtig ist.

Ihr habt das durch eure liebenswürdige, authentische Art, durch Euren Eifer und durch eure Treue zu eurer Berufung 60 Jahre gemacht. Dafür sagen wir heute Euch und unserem Gott Danke.

Wer treu ist, muss sich an den kleinen, alltäglichen Dingen erfreuen können, muss aufmerksam sein für das Wesentliche. Wer zu sehr am Oberflächlichen hängen bleibt, sehnt sich immer wieder nach Veränderung, nach dem nächsten Reiz, der schon morgen wieder verblasst.

Bei Euch ist das anders. Es ist schön mitanzusehen, wie treu ihr den Alltag lebt und darin das Wesentliche zu finden scheint: in den gemeinsamen Gebetszeiten, in der täglichen Eucharistie, bei den Mahlzeiten, bei den Nachrichten und beim Gespräch am Abend.

Aber es ist nicht nur die Treue, es ist die Freude an dieser treuen Gestaltung des Alltags und des Lebens.

Schon der Gedanke, dass Manfred eigentlich sein ganzes Leben hier in Overbach verbracht hat – geboren wurde er zwar woanders, aber das war mehr oder weniger Zufall, oder besser gesagt: Er wurde vorher einfach nicht gefragt – berührt mich. Und dass er und Konrad sich bis heute auf dem Balkon am Blick in den Garten erfreuen können: an den blühenden Bäumen, am satten Grün der Wiese, am Vogelgezwitscher, an den Nutrias am Teich. 60 Jahre lang. Das sind die kleinen Dinge, und gerade sie sind es, die dieses Leben so schön machen.

Dass dies so ist, liegt vor allem an einer Tugend, die heute wieder mehr in Mode kommt. Die Demut. Ein bisschen demütig zu sein, das macht glücklich.

Sich klarzumachen: Was habe ich für ein Glück, dass ich heute leben darf, mit Wasser und einem Zimmer, mit einem wunderschönen Garten, im Großen und Ganzen gesund, von der Musik und von Menschen umgeben und von Gott geliebt. Demut.

Und wenn man seit 60 Jahren Priester ist, Sakramente spendet, Eucharistie feiert, Taufen, Hochzeiten, predigt, Bibelgespräche, Orgel und Klavier spielt und singt, und das mit Hingabe und Herz, dann verdient das Bewunderung, vor allem deshalb, weil ihr es gerne gewesen seid und weil ihr damit Menschen erreicht habt; besser: weil durch Euch Gott Menschen erreicht hat.

Weil es für euch nicht wichtig war, ob ihr ankommt, ob ihr gelobt werdet und ihr Erfolg und Anerkennung habt, sondern für Euch war wichtig, dass ihr Gott nicht im Weg steht, dass ihr sein Werkzeug seid, dass ihr die Menschen zu ihm führt, und nicht an Euch bindet.

Ihr wurdet in der Zeit des Konzils ausgebildet und gegen Ende des Konzils zu Diakonen und Priestern geweiht. 1965 ging das Zweite Vatikanische Konzil zu Ende.

Ihr habt diesen Umbruch und auch diesen Aufbruch in der Kirche miterlebt und mitgestaltet: die Liturgiereform, den Gottesdienst in der Muttersprache, den Aufbruch der Ökumene, die Mitverantwortung der Laien, die Pfarrgemeinderäte, die Wiederentdeckung der Bibel für alle Gläubigen. Es war eine Zeit, in der man geglaubt hat, die Kirche würde sich für immer erneuern.

Jetzt seht ihr, dass vieles von dieser Begeisterung und vom Schwung des Konzils gebremst wurde, dass sich die religiöse Landschaft nicht nur in Deutschland ändert: leere Kirchen, fusionierte Pfarreien, ausbleibender Nachwuchs, eine Kirche, die kleiner und stiller wird.

Dazu passt eine Geschichte, die ein Bischof einmal erzählt hat.

In vielen Kirchen war früher oben auf der Decke ein Loch. Und öfter im Jahr hing da ein Seil herunter, an dem verschiedene Dinge hochgezogen und heruntergelassen wurden: Adventskranz, Erntekrone. In der Osternacht und zu Christi Himmelfahrt wurde meist eine Statue von Jesus hochgezogen.

Das machte man auch deshalb, weil die Texte nicht verständlich waren – Latein –, und die Kirchenbesucher dadurch sehen konnten, was gefeiert wurde.

In einer Kirche hatten sie eine wunderschöne Jesus-Statue aus Porzellan. An Christi Himmelfahrt wurde zuerst diese Jesusstatue hochgezogen, und dann an Pfingsten eine schöne Taube, der Heilige Geist, heruntergelassen.

Folgendes passierte: Als Jesus bei der Himmelfahrt ungefähr die Hälfte geschafft hatte, löste sich die Statue aus Porzellan, fiel auf den Boden und zerschellte in tausend Splitter. Die Kirchenbesucher waren entsetzt.

Der Küster sah es und rannte in die Sakristei und holte einen Kübel und einen Besen. Er kehrte alles feinsäuberlich zusammen, schüttete es in den Eimer, hängte den Eimer an das Seil und rief laut zu dem Mann, der oben unter dem Dach das Seil hochzog: „Zieh den Eimer hoch; denn hinauf muss er auf jeden Fall, sonst kommt der Vogel nicht runter.“

Das Alte in Scherben. Hochgezogen wurde also nicht der auferstandene, heile Jesus – hochgezogen wurden die Scherben, Gott anvertraut.

Und nichts zerfällt spurlos. Formen dürfen sterben, aber stirbt deshalb auch die Sehnsucht, das Staunen, die Suche nach Halt?

Es gibt ein Wort von Dietrich Bonhoeffer, das mich immer wieder beschäftigt. Er hat sinngemäß geschrieben:

Jesus, Euer Lehrer, ist jetzt mal weg. Himmelfahrt. Macht jetzt selbst Eure Aufgabe. Tut, was er euch gesagt hat. Jesus ist nicht weg, um euch allein zu lassen. Er ist weg, damit ihr anfangt.

Das habt ihr beiden immer getan. Ihr habt nie resigniert. Ihr habt nie eure Sendung, euren Auftrag vergessen: Gott lebendig zu halten; das großartige Gerücht zu verbreiten, dass er mit uns lebt und uns mag. Mehr braucht es nicht.

Was schenkt man? Die beiden haben sich in den Einladungen eine Spende für unser Schulprojekt in Benin gewünscht.

Und: Wir haben gestern darüber gesprochen. Womit ihr den beiden auch noch eine Freude machen könnt: Manfred und Konrad wollen, dass in Overbach noch lange Musik durch den Kammerchor, dem Kinder- und dem Jungen Chor erklingt. Helft bitte in der heutigen Kollekte mit, dass die Musik in Overbach noch lange erhalten bleibt.

Was wünscht man? Was wünscht man lieben Menschen, die in die Jahre gekommen sind, und die das eine oder andere Wehwehchen plagt? Was wünscht man jemandem, der seit 60 Jahren Priester ist, und der so vieles hat kommen und gehen sehen – in der Kirche, in der Gesellschaft, in der Welt, bis hin zu den Sorgen von Heute: Wahl in Sachsen-Anhalt, Russland und Deutschland, … ich brauche die lange Liste nicht vervollständigen.

Bischof Maximilian Aichern hat einmal als seinen letzten Wunsch für seine Diözese Linz gesagt: „Lasst euch, lassen wir uns die Freude am Menschsein und Christsein nicht nehmen.“

Das ist es.

Viel Freude, heute und in den kommenden Jahren. Amen.

P. Provinzial Josef Költringer OSFS, Haus Overbach, 6. September 2026