Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis (Mt 18,21-35)
Vergebung
Die Zahl Sieben ist in der Bibel etwas ganz Besonderes. Sie ist eine heilige Zahl. Vor allem erinnert die Sieben an den siebenten Tag der Schöpfung, an dem Gott ruhte. Jedes Kind lernte, dass dieser Tag Gott gehört, oder wie es in den Zehn Geboten zu lesen ist, es ist der Tag des Herrn, der Sabbat, den jede und jeder ehren soll. Die Einhaltung dieses Gebotes führte immer wieder zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Jesus und den Pharisäern und Schriftgelehrten.
Siebenmal Sieben, also diese heilige Zahl mit sich selbst multipliziert, ergibt Neunundvierzig … Für das Volk Gottes war jedes neunundvierzigste Jahr von herausragender Bedeutung. Auf dieses Jahr folgte das so genannte Gnadenjahr oder Jubeljahr – das Jahr des Jubels und der Freude. In diesem Jahr, und das ist der Grund, warum ich all das erzähle, wurden alle angehäuften Schulden getilgt, es war das große Jahr der Vergebung.
Das ist der Hintergrund für die Frage, die der Apostel Petrus im heutigen Evangelium stellt: Wie oft muss ich denn dem vergeben, der gegen mich gesündigt hat? Siebenmal? Er nennt also die heilige Zahl. Jesus antwortet darauf nicht mit der Multiplikation der Sieben, sondern er steigert alles radikal: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Mit diesem Zahlenspiel macht Jesus zwei Dinge deutlich: Erstens: Die Menschen sollen nicht nur einmal, zweimal oder siebenmal zur Vergebung bereit sein, sondern immer. Und zweitens: Jesus liefert mit diesem Zahlensymbol auch den Grund, warum diese allumfassende Vergebungsbereitschaft sein soll. Die Sieben hat immer mit Gott zu tun. Wir sollen also immer zur Vergebung bereit sein, weil auch Gott immer zur Vergebung bereit ist.
Die Geschichte, die Jesus dann erzählt, unterstreicht das noch einmal deutlich. Spätestens durch diese Geschichte muss allen Zuhörenden klar sein, was Jesus sagen will: Der himmlische Vater vergibt von Herzen, also vergib auch du. Und Jesus hat daran bis zu seinem Tod am Kreuz festgehalten: „Vater, vergib ihnen“, betete er für seine Mörder, „denn sie wissen nicht, was sie tun.“
„Auf dieser Grundlage der unendlichen Barmherzigkeit Gottes stütze ich meine ganze Hoffnung“, sagte daher auch einmal der heilige Franz von Sales (DASal 1,62).
Auf eines muss allerdings auch noch hingewiesen werden, um diese allumfassende, ja heilige und göttliche Vergebungsbereitschaft wirklich zu verstehen: Der Sünder oder Schuldner muss seine Sünde oder Schuld anerkennen und er musss um Vergebung bitten, damit ihm vergeben werden kann. Wenn jemand davon überzeugt ist, dass er nichts falsch gemacht hat, dann kann ihm auch nicht vergeben werden. Der Knecht der Geschichte weiß um seine Schuld, er streitet sie nicht ab, sondern fällt vor dem König auf die Knie und bittet demütig: Hab Geduld mit mir.
Das bedeutet: Ja, wir sollen immer vergebungsbereit sein, der oder die andere muss allerdings bereit sein, seine Schuld anzuerkennen und um Vergebung bitten. Vergebungsbereitschaft setzt ein Schuldbekenntnis voraus – so geschieht das ja auch im Sakrament der Versöhnung, der Beichte. Die Lossprechung gilt nur für die Sünden, die man auch bekannt hat – in Demut und Reue, wie man früher einmal sagte.
Wer glaubt, dass er vollkommen ist und ohnehin keine Fehler macht, der braucht auch keine Vergebung – weder siebenmal, noch siebenmal siebzigmal. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


