Predigt zum Fest Maria Himmelfahrt (Lk 1,39-56)
Selig, die geglaubt hat
Die Unbeschuhten Karmelitinnen, die gerade erst ihr erstes Kloster in Paris gegründet hatten, wollten vor gut 400 Jahren, also zur Zeit des heiligen Franz von Sales, für ihre Kapelle ein Gemälde haben, das die Aufnahme Marias in den Himmel darstellt. Sie beauftragten dafür einen der damals angesagtesten Maler, nämlich den Italiener Caravaggio. Sein Gemälde hing dann allerdings nur ganze drei Tage in der Kapelle, dann wurde es wieder entfernt. Heute hängt es im Louvre. Der Grund: Die Karmelitinnen haben die Darstellung einfach nicht ertragen. Caravaggio malte nämlich nicht die strahlende Himmelfahrt der Gottesmutter, sondern den schockierenden Augenblick ihres Todes. Marias Leichnam liegt hingestreckt vor den erschütterten und weinenden Apostel, sowie der verzweifelten Maria Magdalena. Drei der Apostel reiben sich die Augen aufgrund ihrer Tränen, die anderen blicken fassungslos auf den blassen Leichnam. Das Bild fängt also genau jenen Augenblick ein, in dem allen die brutale Realität des Todes bewusst wird und die Hilflosigkeit, einfach nichts mehr tun zu können, nur zu trauern und die Endgültigkeit des Todes zu akzeptieren.
Ich verstehe gut, dass die Karmelitinnen dieses Gemälde nicht in ihrer Kapelle haben wollten. Der Maler macht trotzdem auf etwas Wesentliches aufmerksam: Schaut her, sagt er mit seinem Bild, niemand kann dem Tod entrinnen, selbst die Gottesmutter Maria musste sterben. Wer das Fest Maria Himmelfahrt feiert, sollte das nicht vergessen. Diesem Fest geht die brutale Realität des Todes voraus.
Aber – und das sagt uns dieses Fest genauso: Der Tod, so brutal und schmerzlich er auch immer ist, der Tod ist nicht das Ende, wie es der heilige Franz von Sales einmal formulierte, im Gegenteil, er ist das Tor zur Vollendung. Caravaggio hat dieses Tor leider nicht gemalt, er hat den Himmel sogar mit einem dunklen roten Vorhang verschlossen, so als ob nach der Dunkelheit des Todes, nach dem Schock der Trauer und der Hilflosigkeit nichts mehr käme.
Hier spricht eben das Fest der Himmelfahrt Marias eine völlig andere Sprache: Maria ist mit Leib und Seele, als ganzer Mensch vollendet. Es hat sich erfüllt, was wir im heutigen Evangelium hörten: „Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.“ Gott hat auf die Niedrigkeit seiner Magd geschaut, siehe von nun an preisen sie alle Geschlechter.
Andere Künstler, und natürlich auch der heilige Franz von Sales, konzentrieren sich bei ihrer Interpretation des heutigen Festes auf dieses hoffnungsvolle Danach, also darauf, was nach dem Tod Marias geschieht. Maria wird von Jesus und den Engeln vom Totenbett erhoben und in die Herrlichkeit des Himmels getragen. Der Tod ist eben nicht das Ende, sondern die Vollendung.
Maria ist eine Prophetin, nicht nur mit ihrem fulminanten Magnifikat, nicht nur durch ihr unbedingtes Ja zum unbegreiflichen Willen Gottes, trotz der vielen Herausforderungen, ja dunklen Stunden in ihrem Leben, sondern auch durch ihr Sterben und ihren Tod. Sie sagt uns eben voraus, dass das Ziel unseres Menschseins nichts anderes ist als die Herrlichkeit Gottes. Oder mit den Worten des heiligen Franz von Sales gesagt: „Der Tod ist Leben, wenn er sich im Angesicht Gottes vollzieht. (DASal 5,257). Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


