Predigt zum 11. Sonntag im Jahreskreis (Mt 9,36-10,8)

Einfühlsame Intelligenz

Ein Thema, das derzeit nicht nur Papst Leo XIV. beschäftigt, sondern viele in der Welt, das ist die „Künstliche Intelligenz“, vor allem deren rasante Entwicklung und die damit verbundenen Gefahren, die KI zur unkontrollierten Waffe und zum überdimensionalen Energiefresser machen. Was wir brauchen, so wird gefordert, ist nicht nur eine Reglementierung dieser Technologie, sondern vor allem eine emotionale, also empathische, einfühlsame Intelligenz, eine Intelligenz mit Herz. Und das führt uns zum heutigen Evangelium.

Jesus Christus zeigt uns nämlich, wie wir auf unsere Welt schauen sollen. „Als er die vielen Menschen sah,“ so haben wir es gehört, da „hatte er Mitleid mit ihnen.“

Jesus hatte keinen Computer, er war auch kein Programmierer in irgendeinem Silicon Valley, aber er hatte und hat ein Herz und daher sah und sieht er wie die Menschen sind, vor allem sieht er ihre Bedürftigkeit, die Müdigkeit, die Erschöpfung, die Verlorenheit, die Orientierungslosigkeit, die es in der Welt gibt, und er trägt Sorge dafür, dass daran etwas geändert wird.

Der heilige Franz von Sales war ein barocker Romantiker. Wenn er von diesem einfühlsamen, liebevollen Blick Gottes schreibt, kommt er wahrlich ins Schwärmen:

„Gott schaut Sie mit Liebe an, daran zu zweifeln haben Sie keinen Anlass, sieht er doch auch liebevoll auf die schrecklichsten Sünder der Welt … sein Herz ist so milde, gütig und so voll Liebe zu den schwachen Geschöpfen, so gnadenvoll gegenüber den armseligen Menschen. Wer würde dieses königliche Herz, dieses Herz, das gegen uns so väterlich-mütterlich ist, nicht lieben?“ (DASal 7,97-98).

Mit diesem liebevollen Herzen, mit dieser emotionalen Intelligenz, sucht sich Jesus dann auch seine Mitarbeiter aus. Wenn wir uns diese Apostel anschauen, dann können wir stark davon ausgehen, dass diese bei jedem modernen Bewerbungsgespräch oder KI-gesteuerten Casting durchgefallen wären: der Angsthase Petrus und sein Bruder Andreas, beide einfache Fischer, dann die beiden Donnersöhne, also Choleriker Jakobus, der Ältere und Johannes, dann der anrüchige Zöllner Matthäus, der Zweifler Thomas, der Fanatiker Simon, die unscheinbaren, farblosen Philippus, Bartholomäus, Jakobus, der Jüngere und Thaddäus, und schließlich der Verräter Judas Iskarioth.

Jesus Christus lässt sich bei seiner Auswahl nicht von Algorithmen leiten, sondern vom Herz. Er schaut in die Herzen der Menschen und entdeckt dort das, was er für den Aufbau des Reiches Gottes braucht, nämlich: Authentizität, Einfühlungsvermögen, ein Herz am rechten Fleck und die Bereitschaft und den Mut, ihm zu folgen. Das war übrigens auch bei Judas Iskarioth der Fall – und daher war die Enttäuschung über dessen Verrat umso größer.

Was ist die Aufgabe dieser bunten Gruppe? Auch das überrascht: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“

Sie sollen im wahrsten Sinne des Wortes Wunder wirken und damit deutlich machen, dass das Reich Gottes nahe es. Dabei ist der Schlusssatz das Entscheidende: Die Fähigkeit dafür habt ihr nicht aus euch selbst, ihr habt diese Fähigkeit von Gott umsonst empfangen, also sollt ihr sie auch umsonst weitergeben. Milliardengewinne sind also nicht das Ziel, das Jesus anstrebt, aber eine Welt, in der Gottes Liebe und Empathie spürbar wird, etwas, das künstliche Intelligenz nie können wird, weil es dazu ein emotionales Herz braucht, ein Herz, das sich in die Menschen einfühlen kann. Wir sind dazu aufgerufen, diese Botschaft in der Welt spürbar zu machen. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS