Predigt zum 12. Sonntag im Jahreskreis (Mt 10,26-33)

Gottvertrauen schützt vor Angst

„Meine Seele ist stille in dir“, so lautet der Titel eines Liedes von Klaus Heinzmann aus dem Jahr 1991. Darin heißt es: „Meine Seele ist stille in dir, denn ich weiß: Mich hält deine starke Hand. Auch im dunklen Tal der Angst bist du da und schenkst Geborgenheit.“

Dieses Lied interpretiert den Psalm 62 neu. In diesem Psalm geht es ebenfalls um das Gottvertrauen: „Bei Gott allein wird ruhig meine Seele, von ihm kommt mir Rettung.“

Im Evangelium, das wir soeben gehört haben, ermutigt Jesus seine Apostel ebenfalls zu diesem Gottvertrauen. Dreimal kurz nacheinander sagt er: „Fürchtet euch nicht!“ Diese Aussage finden wir in den Evangelien nicht nur an dieser Stelle, sondern immer wieder. Man könnte sogar sagen, dass sie den Rahmen des Lebens Jesu bildet. Schon bei der Verkündigung Jesu und bei seiner Geburt verkünden Engel: „Fürchte dich nicht!“ – und eines der ersten Worte Jesu nach seiner Auferstehung lautet ebenfalls: „Fürchtet euch nicht!“

In der heutigen Zeit gibt es viele Gründe, Angst zu haben. Der deutsche Astrophysiker Harald Lesch behauptet sogar, dass wir uns in einem Zeitalter der Angst befinden – ausgelöst durch Kriege, Klimawandel und Inflation. Die Nachrichten berichten täglich von Krieg, Terror und Gewalt, von wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit, von angstmachenden neuen Technologien und von der Zerstörung der Umwelt mit unabsehbaren Folgen für Menschen, Tiere und Natur. All das macht Angst.

So gesehen, kommt die heutige Botschaft Jesu gerade zur rechten Zeit: „Fürchtet euch nicht!“ Vor allem fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können. Angst haben muss man also nur vor dem, was die Seele verdirbt. Und genau das wäre die Frage des heutigen Sonntags an uns: Wer oder was kann meine Seele wirklich verderben? Wovor muss ich meine Seele tatsächlich schützen?

Eine Antwort, die uns da hoffentlich einfällt, sollte sein, dass wir uns besonders vor all dem schützen, was uns von Gott entfernt oder sogar trennt, denn – ich zitiere noch einmal den Psalm 62: „Bei Gott allein werde ruhig meine Seele, denn von ihm kommt meine Hoffnung. Er allein ist mein Fels und meine Rettung, meine Burg, ich werde nicht wanken.“

Gott ist es, der meine Seele schützt. Etwas kriegerisch, aber dafür vielleicht umso verständlicher schreibt der heilige Franz von Sales einmal in seiner Zeit, die von Bürgerkriegen, Pest und Hunger bedroht war: „Wie glücklich seid ihr, die ihr bewaffnet seid mit der Wahrheit Gottes, denn sie wird euch als Schild gegen die Pfeile eurer Feinde dienen und euch siegreich bleiben lassen. Fürchtet euch nicht, die ihr mit dieser Rüstung versehen seid.“ (DASal 12,328)

Glaube ich noch an diese Kraft Gottes in mir und um mich herum? Glaube ich daran, dass Gott mich so ernst nimmt, dass selbst die Haare auf meinem Kopf gezählt sind. Ein solches Gottvertrauen stärke ich in mir allerdings nur, wenn ich meine Gottesbeziehung täglich vertiefe, wenn ich meine Seele mit Gott verbinde, wo sie zur Ruhe kommen kann. Wenn ich mir so oft wie möglich bewusst mache, dass Jesus dieses Wort nicht nur zu seinen Aposteln, sondern auch zu mir ganz persönlich hier und heute sagt: „Fürchte dich nicht!“

So lade ich dazu ein, dass wir nun unser Gottvertrauen erneuern, indem wir miteinander das Glaubensbekenntnis beten. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS