Predigt zum 14. Sonntag im Jahreskreis (Mt 11,25-30)
Von Jesus lernen
Heute begegneten wir im Evangelium der Lieblingsstelle des heiligen Franz von Sales, die er in seinen Schriften immer wieder zitierte: „Lernt von mir, denn ich bin gütig und von Herzen demütig.“ Diese Aufforderung Jesu nahm der heilige Franz von Sales wörtlich und das bedeutete: Unsere Aufgabe als Christinnen und Christen in der Welt ist es, von Jesus zu lernen, vor allem von seiner Sanftmut und Güte und von seiner Demut. Es ist daher notwendig, immer wieder auf Jesus zu schauen, sein Leben zu betrachten, auf seine Worte zu hören. Jeden Tag sollen wir uns wenigstens eine halbe Stunde dafür Zeit nehmen, das Evangelium lesen und dadurch von Jesus und seinem Verhalten lernen.
Zwei Tugenden spielen dabei eine ganz besondere Rolle, die ja auch im heutigen Evangelium genannt werden: die Sanftmut oder Güte und die Demut.
Wer sich mit Jesus beschäftigt, der erkennt sehr bald, dass er ein besonderes Herz gerade für jene hatte, die von der Gesellschaft an den Rand gedrängt werden: die Armen, Kranken, und auch die Sünder, also jene, die sich durch irgendein schuldiges Verhalten von Gott oder der Gesellschaft selbst ausgeschlossen haben. All diesen wendet sich Jesus zu. Er verurteilt sie nicht, sondern lädt sie ein, bei ihm, in seiner Gegenwart, Ruhe für ihre Seele zu finden. Davon sollen wir lernen, was unseren Umgang mit den Mitmenschen betrifft: nicht urteilend und verurteilend, sondern einladend mit den Menschen, denen ich begegne, umgehen und ihnen das Gefühl geben, dass sie willkommen sind, weil sie auch von Jesus Christus willkommen geheißen werden.
Die zweite Tugend ist dann die Demut. Jesus ist Gott, trotzdem wird er Mensch, um den Menschen zu dienen. Er spielt sich also nicht als der allmächtige Herrscher auf, der die anderen klein machen will, im Gegenteil: Für Jesus gilt, der Größte von euch ist der, der dient, der die oder den anderen groß macht. Das bedeutet für Jesus Demut: Nicht ich will der Größte sein, sondern ich will, dass die anderen durch mich groß werden, weil jeder Mensch ein von Gott einzigartig geliebtes Geschöpf ist, also von Gott groß gemacht wurde. Demut trägt also dazu bei, die Würde und Größe eines jeden Menschen deutlich zu machen.
Gegen Ende seines Lebens wurde der heilige Franz von Sales einmal um eine Art Zusammenfassung dessen gebeten, was für ihn und seinen Glauben das Wichtigste und Wesentlichste geworden ist. Vielleicht kommen wir da auf die Idee, dass der große Kirchenlehrer der Liebe, der Doctor amoris, als Antwort einfach nur das Wort Liebe sagte. Aber dem ist nicht so. Er schrieb in einem Brief: „Das ist eigentlich alles, ein sanftmütiges Herz seinem Nächsten gegenüber und ein demütiges Herz Gott gegenüber zu haben“ (DASal 6,43).
Von Jesus lernen bedeutet also von seiner Demut und von seiner Sanftmut lernen und diese beiden Tugenden im eigenen Leben in die Tat umzusetzten. Wie das in der Praxis konkret aussehen kann, darüber nachzudenken sind wir am heutigen Sonntag eingeladen, damit wir, gerade wenn wir mühselig und beladen sind, Ruhe finden für unsere Seele. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


