Predigt zum Weihnachtsfest (Lk 2,1-14)
Gott ein Gesicht geben
im Advent sorgte in der belgischen Hauptstadt Brüssel eine moderne Weihnachtskrippe für heftige Diskussionen. Die deutsche Künstlerin Victoria-Maria Geyer stellte nämlich Josef, Maria und das Jesuskind ohne erkennbare Gesichtszüge dar. Sie verwendete nur braune und beigefarbene Stoffreste. Die Kritik darüber kam vorwiegend aus dem politisch konservativen Lager. Dort hieß es: Diese Krippe sei eine Beleidigung für die christlichen Traditionen. Diese gesichtslosen Figuren erinnern an jene verwahrlosten Gestalten, wie man sie in der Nähe von Bahnhöfen finden kann und nicht an den Geist von Weihnachten.
Die öffentliche Diskussion über diese Krippendarstellung hatte aber auch etwas sehr Gutes. Sie regte die Belgierinnen und Belgier dazu an, sich wieder einmal intensiver über den wahren Inhalt der Weihnachtsbotschaft auseinanderzusetzen. Eine Krippe ohne Gesichter stellt uns nämlich die Frage: Was feiern wir da eigentlich, wenn wir Weihnachten feiern?
Die Künstlerin, übrigens eine gläubige Katholikin und engagiertes Mitglied ihrer Pfarrgemeinde, meinte jedenfalls zu ihrer Darstellung: „Die dahinterstehende Bedeutung ist zutiefst spirituell.“ Die verwendeten Stoffe stammen alle aus der traditionsreichen belgischen Textilindustrie. Das soll zeigen: Gott wird tatsächlich einer von uns. Und die gesichtslosen Figuren sollen deutlich machen, dass mit Weihnachten jede und jeder ganz persönlich gemeint ist. Eine jede und ein jeder soll sich in diesen Figuren entdecken: im besorgten Josef, in der hoffnungsvollen Maria, im wehrlosen Kind auf der Suche nach Mitgefühl. Eine jede und ein jeder soll beim Hinschauen auf die Weihnachtskrippe dazu angeregt werden, seine oder ihre persönliche Antwort auf das Weihnachtsgeschehen von Betlehem zu geben. Also: Welches Gesicht gebe ich dem heiligen Josef, der Gottesmutter Maria, dem Jesuskind? Was bedeuten diese Hauptfiguren des Weihnachtsfestes für mich?
Der Stadtpfarrer von Brüssel gab dazu eine sehr deutliche Antwort. Er meinte: „Wenn ich höre, dass man in den Figuren etwas sehe, das den verwahrlosten Gestalten rund um unsere Bahnhöfe ähnelt, also den Obdachlosen und Drogenabhängigen, dann erweist uns das sogar einen Dienst – denn genau das wollten wir zeigen.“ Weihnachten schließt diese Menschen nicht aus, im Gegenteil: Gerade für sie ist Gott Mensch geworden. Gott steht nicht auf der Seite der Reichen und Mächtigen, sondern auf der Seite der Armen und Ausgestoßenen. Nicht den Königen wurde die frohe Botschaft der Menschwerdung Gottes als Erstes verkündet, sondern den Hirten auf dem Feld.
Als ich von diesen Diskussionen in Belgien erfuhr, bin ich selbst ins Grübeln gekommen: Seit 2000 Jahren feiern wir jedes Jahr die Menschwerdung Gottes. Wir haben uns von diesem Fest ein bestimmtes Bild gezeichnet. Aber stimmt das tatsächlich mit dem überein, was dieses Wunder der Heiligen Nacht wirklich bedeutet? Gott wird Mensch, einer von uns, am Rande der Gesellschaft. Keine andere Religion kennt eine solche Fleischwerdung des Göttlichen mitten unter uns. Es lohnt sich tatsächlich, wieder einmal darüber nachzudenken, was das in meinem Leben bedeutet, was der Engel den Hirten verkündete: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: Heute ist euch der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr.“
„Hundertmal lieber schaue ich dieses Kind in der Krippe an als alle Könige auf ihren Thronen,“ schreibt der heilige Franz von Sales in einem Brief, und weiter: „Der große heilige Josef möge uns an seiner Freude teilhaben lassen; die erhabene Mutter an ihrer Liebe; und das Kind möge immerdar seine Verdienste in unsere Herzen ergießen“ (DASal 5,259).
Lassen wir uns von diesem Wunder der Heiligen Nacht wieder ansprechen. Geben wir durch uns Gott ein Gesicht, lassen wir ihn aufstrahlen in den Gesichtern der Menschen, denen wir begegnen. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS

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