Predigt zum 5. Sonntag im Jahreskreis (Mt 5,13-16)
Salz und Licht
Am Beginn der Bergpredigt, gleich nach den Seligpreisungen überrascht Jesus seine Zuhörerinnen und Zuhörer mit zwei Aussagen: „Ihr seid das Salz der Erde“ und „Ihr seid das Licht der Welt“. Wohlgemerkt: Er sagt nicht, ihr sollt dieses Salz und dieses Licht sein. Es ist zunächst kein Auftrag an seine Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern eine Feststellung: Ihr, die ihr da sitzt und mir zuhört, ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt.
Das bedeutet bis zum heutigen Tag: Christinnen und Christen, also Menschen, die Jesus Christus zuhören und ihm nachfolgen, sind für die Welt Salz und Licht.
Um die wahre Bedeutung dieser Aussage so zu verstehen, wie sie bei den Zuhörerinnen und Zuhörern damals angekommen ist, müssen wir uns bewusst machen, dass es vor 2000 Jahren zwei Dinge noch nicht gab: Es gab keine Elektrizität und es gab daher auch noch keine Kühlschränke. Salz und Licht hatten deshalb einen ungleich höheren Stellenwert als für uns heute. Salz war so wichtig, dass deshalb sogar Kriege geführt wurden – so wie heute um das Erdöl. Salz bedeutete nicht nur, dass sämtliche Nahrungsmittel besser schmeckten, vor allem machte Salz die Nahrung haltbar. Damit war Salz das ideale Mittel gegen das Verhungern.
Das Licht war ähnlich wertvoll. Denn in der Nacht gab es kaum Licht. Es herrschte die Finsternis. An Lichtverschmutzung – so wie heute, in der die Nacht zum Tag gemacht werden kann – dachte damals niemand. Jeden Tag, wenn die Sonne unterging, kam es zum Blackout, so würde man heute dazu sagen. Glücklich der Mensch, der eine Kerze besaß oder ein kleines Feuer, um die Dunkelheit wenigstens ein klein wenig zu durchbrechen und sich in der Finsternis Orientierung zu verschaffen
Und nun sagt Jesus zu seinen Zuhörerinnen und Zuhörern: Ihr, die ihr mir zuhört, ihr, die an mich glaubt, ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt. Ihr seid es, die verhindern, dass diese Welt ihren Geschmack verliert und ins Verderben stürzt. Ihr vertreibt mit eurem Licht die Finsternis und gebt in der Dunkelheit allen die Orientierung.
Natürlich warnt Jesus Christus auch davor, diese Aufgabe nicht zu erfüllen: Salz, das seinen Geschmack verliert, wird weggeworfen, es ist nutzlos. Ebenso wie das Licht, über das man einen Eimer stellt, damit man es nicht mehr sehen kann. Salz muss salzig sein, und Licht muss leuchten, wie auf einem Leuchter, oder wie die Stadt auf dem Berg – von weitem sichtbar und hell.
Was bedeutet das für uns heute? Man könnte es ganz kurz in die Worte zusammenfassen: Verstecken wir unseren Glauben nicht. Geben wir Zeugnis davon, dass wir an Jesus Christus und seine Botschaft glauben – eine Botschaft, die Werte vermittelt, die dem Leben Würze gibt und die Welt vor dem Verderben bewahrt, eine Botschaft des Lichtes, das Dunkelheit und Finsternis vertreibt und Orientierung gibt. „Euer Licht“, so hören wir Jesus sagen, „soll vor den Menschen leuchten“, um zwei Dinge zu bewirken: sie sollen eure guten Taten sehen und sie sollen Gott im Himmel preisen. Die Nächstenliebe und der Lobpreis Gottes sollen sichtbar werden und die Welt durchsäuern, damit sie nicht verdirbt.
Durch den heiligen Franz von Sales wissen wir, dass jede und jeder einzelne nicht alles machen muss, sondern das, was in seinem oder ihrem Lebensbereich wichtig ist – je nach den Fähigkeiten, die ihm von Gott geschenkt sind. „Die Frömmigkeit muss sich an den Stand und den Beruf eines jeden einzelnen anpassen“, meint er. Das Ziel aber ist für alle gleich: für die Bischöfe genauso wie für das Kind, den Jugendlichen, den Erwachsenen, der Seniorin und dem Senior, es ist das Ziel der Bergpredigt: Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt, durch euch soll die Nächstenliebe und das Lob Gottes sichtbar und spürbar werden. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


