Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis (Mt 5,1-12a)

Die kleinen Tugenden der Seligpreisungen

die Bergpredigt, so sagt man, ist die Zusammenfassung des Evangeliums, der frohen Botschaft Jesu, das also worauf es Jesus ankommt. Und die Seligpreisungen, also die ersten zwölf Verse dieser Predigt, sind nicht nur das Präludium, die Ouvertüre seiner Predigt, sondern dessen Quintessenz, die Jesus dann in die verschiedenen Abschnitte seiner Predigt auffächert.

Selig seid ihr … das heißt, ihr, die ihr das hört, habt Glück, seid glücklich zu nennen. Lasst diese Worte nicht einfach beim einen Ohr hinein und beim anderen wieder hinaus, sondern bewahrt sie in eurem Herzen, kaut sie und verkostet sie. Sie sagen euch: Darauf kommt es an, darum ist Jesus auf die Welt gekommen.

Und worauf kommt es Jesus an? Dass diejenigen, die am Rande stehen, die Außenseiter, die Glücklosen und Unglücklichen bei ihm den ersten Platz einnehmen, die Armen und die Trauernden, die Sanftmütigen und nach der Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die Ehrlichen, die Friedensstifter und die Verfolgten … Sie alle sollen sich freuen und jubeln, denn bei Jesus Christus und durch ihn wird ihr Lohn im Himmel groß sein.

Was ist also von jenen zu tun, die diese Worte hören und in ihrem Herzen bewahren? Was machen wir, die wir als Christinnen und Christen heute Jesus folgen wollen?

Der heilige Franz von Sales hat darüber eigentlich ein ganzes Buch geschrieben, wo er diese Frage beantwortet: seine „Anleitung zum frommen Leben“ – die „Philothea“. Und darin kommen alle diese Tugenden vor, von denen die Seligpreisungen sprechen: die Armut, die Sanftmut, die Ehrlichkeit und Herzlichkeit, die Gerechtigkeit und die Versöhnungsbereitschaft, das Frieden stiften. Er sagt, das sind alles „kleine Tugenden“. Er nennt sie aber nicht deshalb klein, um Jesus zu widersprechen und zu sagen: sie sind unbedeutend. Nein, ganz im Gegenteil: Er nennt sie „kleine Tugenden“, weil sie bei jeder Kleinigkeit im alltäglichen Leben geübt werden können und sollen. Wir brauchen diese Tugenden ständig, jeden Tag.

Um das zu verstehen, genügt es, die große Welt der Völker und Nationen zu betrachten, und die kleine Welt, in der wir leben. Wie viele Machtspielchen auf Kosten anderer werden da betrieben, wieviel Trauer wird erzeugt, wieviel Ungerechtigkeit und Herzlosigkeit. Von Krieg, Terror und Verfolgung ganz zu schweigen – und das gilt für die Kleinkriege natürlich genauso.

Jesus Christus ist gekommen, um diese Spirale des Unseligen, die nur unglücklich macht, zu durchbrechen und uns deutlich zu machen: So werdet ihr nicht glücklich, das führt nur ins Chaos, verursacht nur Elend und Leid. Christinnen und Christen aber handeln anders, selbst wenn sie dafür dem Spott und der Verfolgung ausgeliefert sind.

Der greise Simeon und die Greisin Hanna haben das bereits begriffen, als sie dem neugeborenen Jesus im Tempel begegnet sind. Dieser ist das Heil für alle Völker, haben sie erkannt, das Licht, das die Menschen erleuchtet – allerdings für jene, die auch auf ihn hören und seine Worte im Herzen bewahren.

Begriffen haben es auch die Hirten und die Sterndeuter aus dem Osten und alle die ihm später nachfolgten bis zum heutigen Tag. Es gibt aber genauso viele, die es nicht begriffen haben – oder die trotzdem das Gegenteil tun, weil sie meinen es besser zu wissen.

Der Auftrag an uns lautet deshalb umso mehr: Achtet auf die kleinen Tugenden der Seligpreisungen genau dort, wo ihr lebt – in dem Umfeld, das euch anvertraut ist, damit ihr nicht nur euch selbst, sondern auch die anderen glücklich macht.

„O wie selig sind jene,“ so sagt der heilige Franz von Sales, „die ihre Herzen für die heiligen Eingebungen [Gottes] aufgeschlossen halten!“ (DASal 4,105)

Hören wir auf die Seligpreisungen, bewahren wir sie in unseren Herzen und handeln wir danach. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS