Predigt zum 30. Sonntag im Jahreskreis (Mt 22,34-40)
Das Gebot der Liebe
Liebe kann man eigentlich nicht erzwingen. Sie ist nur in Freiheit möglich. Daher ist auch die erste Frage bei jeder kirchlichen Hochzeit an das Brautpaar, ob sie „aus freiem Entschluss“ diese Ehe eingehen wollen, also ohne irgendeinen äußeren oder inneren Zwang.
All dem scheint das eben gehörte Evangelium zu widersprechen. Da ist von einem Gebot die Rede, ja sogar vom Hauptgebot, vom wichtigsten Gebot: Du sollst Gott lieben, du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst. Kein Gesetz ist wichtiger als dieses Gebot. Wie ist das jetzt zu verstehen? Hier wird einem von Jesus höchstpersönlich Liebe befohlen, ja als gesetzlich verpflichtend beschrieben.
Der heilige Franz von Sales gilt ja bekanntlich als der Kirchenlehrer der Liebe. Und so wundert es nicht, dass sich auch er ziemlich ausführlich mit dieser Frage beschäftigte: Warum befiehlt uns Gott, dass wir ihn lieben, und den Nächsten wie uns selbst? Warum macht er die Liebe zum höchsten Gebot?
Franz von Sales ist eben davon überzeugt, dass es nichts Schöneres, Kostbareres und Wertvolleres gibt als die Liebe. Sie ist „Ziel, Vollendung und Krönung“ der gesamten Schöpfung. „Wie eine Sonne gleich“ gibt sie allem Glanz und Würde bis hin zum ewigen Leben. „Alles, was nicht auf diese ewige Liebe hinzielt, zielt auf den ewigen Tod“ (DASal 4,168). Gott weiß also: „Wer nicht liebt, der bleibt im Tod“, wie es der Evangelist Johannes in seinem ersten Brief (3,14) formulierte. Weil Gott will, dass wir Menschen das Leben haben, ja das Leben in ewiger Vollendung, daher erlaubt er uns nicht nur die Liebe, er befiehlt sie uns.
„O Gott,“ so schreibt Franz von Sales, „wenn wir das verstehen könnten, wie sehr wären wir dem höchsten Gut verpflichtet, das uns nicht nur erlaubt, sondern uns befiehlt, es zu lieben! Ach Herr, ich weiß nicht, ob ich mehr Deine unendliche Schönheit lieben soll, die mir eine so göttliche Güte, oder Deine göttliche Güte, die mir eine so unendliche Schönheit zu lieben befiehlt!“ (DASal 4,168-169)
Im Grunde gilt das für jedes Gebot oder Gesetz, das uns von Gott aufgetragen ist. Es besteht nicht deshalb, um uns das Leben schwerer zu machen, um uns zu knechten und zu belasten … das genaue Gegenteil ist der Fall: Unser Leben soll sich dadurch entfalten, weil es uns guttut.
„Alle Ratschläge, Ermahnungen, Eingebungen und die übrigen Gebote“ schreibt Franz von Sales, „sind wie Blüten am heiligen Baum der Liebe und das ewige Leben ist dessen Frucht“ (DASal 4,168).
Natürlich bleibt trotz allem das freie Ja zum Willen Gottes und seinen Geboten weiterhin die Grundvoraussetzung. Ein erzwungenes „Ich liebe dich“ ist keine Liebe, selbst wenn diese Liebe geboten wäre. Unsere Aufgabe besteht eben darin, auf das Werben Gottes für seine Liebe, auf seine Lockungen zu hören und dann aus freiem Entschluss dazu Ja zu sagen, so wie Maria es tat, auch wenn sie Vieles nicht verstand, oder so wie wir es jedes Mal im Vaterunser beten: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“
Es gibt ein Lied, das vor einigen Jahren bei fast jeder Hochzeit gespielt wurde. „Das Beste“ von der deutschen Musikgruppe „Silbermond“. In diesem Lied heißt es: „Du bist das Beste, das mir je passiert ist.“ Dass wir das auch einmal zu Gott sagen, der uns in Jesus Christus menschlich nahegekommen ist und durch seine Heilige Geisteskraft mitten unter uns wirkt, das ist sein allergrößter Wunsch, in dem sich all seine Gesetze und Gebote wiederfinden. Daher ist die Liebe zu Gott, zu den Nächsten wie zu uns selbst das wichtigste und größte Gebot, zu dem wir in aller Freiheit Ja sagen sollten, denn nichts Besseres kann uns und unserem Leben passieren. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


