Predigt zum Pfingstfest (Joh 20,19-23)

Die Heilige Atemluft Gottes

Weihnachten – ja, das wird noch gefeiert, aber warum, das ist nicht ganz klar … wahrscheinlich eher aus wirtschaftlichen Gründen. Es ist eben ein umsatzstarkes Fest.

Ostern ist da schon etwas abgeschlagen. Wirtschaftlich wurde es sicher vom Valentinstag, dem Fasching oder Halloween überholt … und was an Ostern gefeiert wird, ist noch weniger klar, aber wenigstens gibt es Ferien.

Und Pfingsten? Dieses Fest ist völlig aus den Köpfen der Leute verschwunden: kein Umsatz, keine Ferien, zumindest in Österreich nicht, und keine Ahnung, was dieses Wort überhaupt bedeutet.

Trotzdem ist eigentlich dieses Fest der Grund dafür, warum überall auf der Welt Weihnachten und Ostern gefeiert wird. Denn erst mit Pfingsten – ein Wort das sich aus dem Griechischen pentekoste heméra, also der 50. Tag ableitet -, erst mit diesem 50. Tag nach Ostern begann sich der Glaube an Jesus Christus, seine Menschwerdung und seine Auferstehung in alle Welt auszubreiten.

Schuld daran ist die Kraft des Heiligen Geistes, der auf die Apostel, die Gottesmutter Maria und die anderen Frauen, die sich in Jerusalem im Abendmahlssaal versammelt hatten, herabgekommen ist. Dieser Heilige Geist gab den ersten Christinnen und Christen erst die Kraft und den Mut, von Jesus, dem Gekreuzigten, als dem Christus, dem Messias öffentlich zu sprechen, dem auferstandenen Sohn Gottes.

Genau deshalb nennen wir das Pfingstfest auch den Geburtstag der Kirche, weil an diesem Tag die Kirche nach dreijähriger Schwangerschaft das Licht der Welt erblickte und von da an heranwuchs und immer größer und größer wurde – und heute, trotz vieler Verfolgungen, Irrwege, Fehlentwicklungen, Brüche und Spaltungen, aber auch nach unzähligen Lichtblicken und Heldentaten zur größten Religionsgemeinschaft der Welt wurde.

Der Grund dafür ist der Heilige Geist, der in der Bibel im griechischen Urtext noch hagia pneuma genannt wird – also einen weiblichen Namen trägt: die heilige Atemluft Gottes, so müsste man eigentlich wörtlich übersetzten. Und genau das wird uns ja im heutigen Evangelium geschildert: Der auferstandene Jesus haucht seine Jünger an und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist – die hagia pneuma – meine heilige Atemluft.“ Im Pfingstereignis ist es dann der Sturm, sind es die Feuerzungen, die auf die Wartenden herabkommen und sie hinaus auf die Straßen treiben, damit sie Jesus Christus, den Auferstandenen Messias verkünden … und zwar so, dass diese Frohe Botschaft von der ganzen Welt in allen Sprachen auch verstanden wird. Die heilige Atemluft Gottes machte all das möglich.

„Der Heilige Geist“, so sagte einmal der heilige Franz von Sales, „ist der Lenker der Kirche“. Im Bild der Atemluft gesprochen, könnte man auch sagen: Diese dritte göttliche Person sorgt dafür, dass der Kirche, und damit uns Christinnen und Christen die Luft nicht ausgeht, dass wir immer genug Atem haben, um auch weite Wege gehen und steile Anstiege bewältigen zu können. Solche Erfahrungen gab es ja im Laufe der Kirchengeschichte schon zur Genüge, und es wird sicherlich in Zukunft weitere geben. Derzeit braucht es bei uns wahrscheinlich den „langen Atem“, also viel Geduld und Durchhaltevermögen, um bei der ständig abnehmenden Zahl an Christinnen und Christen nicht den Mut zu verlieren, sondern weiter auf die Kraft Gottes zu vertrauen.

Vielleicht ist ja gerade für uns hier und heute das Pfingstfest genau deshalb so wichtig: um uns deutlich zu machen, dass uns die Atemluft Gottes immer noch umgibt und uns am Leben erhält. Franz von Sales meinte einmal: „Der Atem Gottes erwärmt nicht nur, sondern er erleuchtet … Sein lebenspendender Hauch ist Inspiration, denn durch ihn zeigt uns Gott seine Wünsche und Absichten.“ (DASal 4,103).

So lasst uns Pfingsten feiern, die heilige Atemluft Gottes, und beten, wie es das Lied der Gemeinschaft Emmanuel zum Ausdruck bringt: „Atme in uns, Heiliger Geist, brenne in uns, Heiliger Geist, wirke in uns, Heiliger Geist, Atem Gottes komm!“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS