Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt (Mt 28,16-20)

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„Die Welt ist endlich Gott los geworden.“ Wenn wir heute Menschen danach fragen, was wir denn ihrer Meinung nach an diesem Feiertag „Christi Himmelfahrt“ genau feiern, dann könnte ein solcher Satz durchaus vorkommen. Himmelfahrt … das klingt nach endgültigem Abschied, nach Verschwinden in die unendlichen Weiten des Universums. Jesus Christus ist ab jetzt nicht mehr da, er hat die Welt verlassen. Sämtliche Agnostikerinnen und Agnostiker, Atheistinnen und Atheisten können jubeln: Wir sind Gott los.

Natürlich ist uns Christinnen und Christen klar, dass dieses Fest der Himmelfahrt Jesu nicht der große Feiertag aller Ungläubigen ist, die immer schon wussten, dass es Gott nicht gibt und Jesus nur eine kurze, dreijährige Episode der Weltgeschichte war – also praktisch bedeutungslos.

Das genaue Gegenteil ist der Fall – und so wird es auch im heutigen Evangelium verkündet. Die Himmelfahrt Jesu ist kein Abschied, sondern die Bestätigung seiner Göttlichkeit: „Aufgefahren in den Himmel“, so beten wir im Glaubensbekenntnis, „dort sitzt Jesus zur Rechten Gottes des Vaters … seiner Herrschaft wird kein Ende sein.“ Das bedeutet: Jesus Christus ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Die Welt ist also keinesfalls gottlos, sondern durch Jesus Christus auf neue Weise von der Macht und Herrlichkeit Gottes durchdrungen und erfüllt. Oder wie das Evangelium sagt: Christus ist bei uns alle Tage bis ans Ende der Welt. Oder wie der heilige Franz von Sales formuliert: „Gott ist in allem und überall; es gibt keinen Ort und kein Ding, wo er nicht gegenwärtig wäre“ (DASal 1,73). Das sollen wir uns bei jeder Gelegenheit bewusst machen: Wir sind Gott nicht los, er ist da, immer und überall, zu jeder Zeit, an jedem Ort.

2024 erschien das Buch von Jan Loffeld, einem deutschen Universitätsprofessor für praktische Theologie, mit dem Titel: „Wenn nichts fehlt, wo Gott fehlt“. Darin stellt er fest, dass mittlerweile der ärgste Feind des Christentums nicht der Atheismus oder der Agnostizismus ist, sondern die religiöse Indifferenz, also die völlige Gleichgültigkeit gegenüber allem Religiösem. Immer mehr Menschen ist es mittlerweile völlig egal, ob es einen Gott gibt oder nicht, da sie ohne Gott genauso gut leben. Gott ist nicht mehr notwendig, um glücklich zu sein.

Genau dem darf oder soll der Christ, die Christin vehement widersprechen. Was fehlt also, wenn Gott fehlt? Es fehlt im Grunde alles, es fehlt das Fundament, die Orientierung, es fehlt der Halt und es fehlt die Hoffnung. Der Lebenssinn löst sich auf in ein bodenloses, finsteres Nichts, weil niemand da ist, an dem man sich festhalten kann. Daher erhalten die Jüngerinnen und Jünger Jesu bei dessen Himmelfahrt auch den Auftrag: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern – tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und der heiligen Geisteskraft.“ Das heißt: Macht den Menschen deutlich, dass Gottlosigkeit nichts bringt, sondern nur unglücklich macht.

Das Fest Christi Himmelfahrt regt uns also dazu an, das Dasein Gottes, seine Gegenwart mitten unter uns neu zu entdecken, zu erspüren und in der Welt, in der wir leben, spürbar zu machen.

Der verstorbene deutsche Kardinal Karl Lehmann, hat das einmal so zusammengefasst: „Mit der Himmelfahrt … ist der Auferstandene nicht einfach weg, verschwunden. Er ist in einer neuen Qualität gegenwärtig. Er ist nicht mehr begrenzt durch Raum und Zeit, nur einigen unmittelbaren Weggefährten vertraut. Vielmehr wird deutlich: Jesus ist der Sohn, der Gesalbte, der Heiland. Und dies nicht für einige wenige, sondern für alle, an allen Orten und zu allen Zeiten.“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS