Predigt zum Palmsonntag (Mt 21,1-11)
Die leisen Töne
Mit dem Palmsonntag beginnt für uns Christinnen und Christen die „Heilige Woche“ – auch „Karwoche“ genannt, in der wir uns jedes Jahr intensiv mit Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung Jesu auseinandersetzen.
Diese Woche beginnt großartig: mit dem große Einzug Jesu in Jerusalem unter dem Jubel des ganzen Volkes. Jede und jeder ist begeistert. Jesus wird zum König erklärt, zum großen Retter, der endlich sämtliche Probleme dieser Welt lösen wird.
Die Menschen haben aber leider nicht richtig zugehört. Sie haben die leisen Töne Jesu nicht wahrgenommen, sie haben nur das gehört, was sie hören wollten. Und genau das führte nur wenige Tage später in die Katastrophe.
Aus dem „Hosianna“-Jubel – „Hilf doch, rette uns“ wurde der Schrei „Kreuzige ihn!“ Aus dem feierlichen Einzug Jesu in die Stadt Jerusalem wird der Kreuzweg hinaus in die Stadt auf die Hinrichtungsstätte Golgota.
Die Heilige Woche ist für uns daher jedes Jahr eine sehr lehrreiche, aber auch mahnende Woche für das richtige Hören auf das, was Jesus Christus uns allen auch heute sagen will.
Der Blick auf die 2000-jährige Kirchengeschichte zeigt, dass wir leider sehr oft nicht richtig zugehört haben. Und die Gegenwart macht uns deutlich, wie überaus dringend und notwendig es wäre, ganz genau auf Jesus zu hören.
Wir erleben immer wieder brutale Könige und Herrscher, Diktatoren und Oligarchen, fanatische Religionsführer und Extremisten, die alle meinen, mit Gewalt und Geld alles tun zu können und damit den Menschen zu dienen. Das hat aber noch nie funktioniert, in den letzten Jahrtausenden nicht, und auch nicht heute: Diese Methode bringt immer nur Krieg, Hass, Terror, Gewalt, Leid, Zerstörung und Tod.
Die leisen Töne Jesu sind es, auf die wir hören sollten. Und diese Töne sagen uns: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage: Liebt einander“ (Joh 15,12-14).
Jesus ist nicht mit Panzern, Kampfflugzeugen, Raketen und Drohnen in Jerusalem einmarschiert, er kam auf einem jungen Esel.
Er hat sich nicht zwölf Legionen Engel zu Hilfe geholt, sondern seinen Jüngern befohlen: „Steckt das Schwert in die Scheide, denn alle, die zum Schwert greifen, werden durch das Schwert umkommen“ (Mt 26,52).
Jesus schweigt, als man ihn bespuckt, ohrfeigt und verspottet.
Er nimmt das Kreuz auf sich und haucht seinen Geist aus.
Auch der heilige Franz von Sales lässt sich in seinen Betrachtungen über die letzten Tage im irdischen Leben Jesu vor allem von den leisen Tönen leiten:
„Ich überlege vor allem“, so schreibt er einmal in einer Meditation über die Kreuzigung, „wer der ist, der so hängend erhöht ist, und sehe durch die Inschrift, dass es Jesus von Nazareth, der König der Juden ist. Ist das also, sage ich, der große Jesus, der so viele Wunder gewirkt, sein ganzes Leben gepredigt und Akte der Tugend gemacht hat? Ist das der Sohn des ewigen Gottes, der der Herr des Himmels und der Erde ist? Und wieso hängt er nun am Kreuz? … Ich betrachte die Haltung des Erlösers, an der ich höchste Güte und Sanftmut sehe. Seine Augen sind durch die Schmerzen keineswegs getrübt und durch die Kränkungen nicht erzürnt. O wie gütig ist dieses Lamm! … Ich betrachte das tiefe Schweigen während dieser ganzen Erhöhung. Es kommt nicht von Atemnot, denn er hat genug Atem, um zu seufzen. Es fehlt nicht an Gründen, denn es gibt viel, worüber er sich beklagen könnte. Es fehlt nicht an Zuhörern, denn er ist von ihnen umgeben. Es fehlt nicht an Fragern, denn jeder ruft nach ihm, der eine dies, der andere das. Warum also schweigt er, wenn nicht, um seine Sanftmut und Güte zu zeigen?“ (DASal 12,206).
Franz von Sales erkennt im Verhalten Jesu vor allem seine Sanftmut und Güte … und er folgert daraus, dass Sanftmut und Güte auch jene Tugenden sind, die unser aller Handeln begleiten sollen, denn nur so ist ein friedliches Miteinander unter den Menschen möglich. Nutzen wir die Karwoche, um uns das wieder deutlich zu machen. Wir können zwar nicht die großen Probleme unserer Welt lösen, aber im Miteinander unserer Familien, in der Nachbarschaft, Arbeitswelt und Pfarrgemeinde … wäre es ein erster wichtiger Schritt. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


