Predigt zum Gründonnerstag (1 Kor 11,23-26; Joh 13, 1-15)
Auf die Zeichen hören …
Es sind zwei Zeichenhandlungen Jesu, die im Zentrum der Gründonnerstagsliturgie stehen und daher für den christlichen Glauben seit jeher von fundamentaler Bedeutung sind: die Fußwaschung und Brot und Wein.
Es ist gut, darüber wieder einmal nachzudenken und erneut darauf zu hören, was uns Jesus durch diese Zeichen eigentlich sagen möchte.
Nach der Fußwaschung sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich … euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe“ (Joh 13, 12-15).
Die Fußwaschung stellt mir also die Frage: Wie gehe ich mit den Menschen um, die mir begegnen? Vor allem mit jenen, die bei mir am Rande stehen? Die Unsympathischen, die Unbedeutenden, und natürlich die Armen, Kranken, Leidendenden? Die Fußwaschung sensibilisiert unseren Blick auf jene Menschen, die sonst nicht im Zentrum unserer Aufmerksamkeit stehen – und sie sagt uns: Auch diese Menschen sind von Gott geliebte Geschöpfe, denen wir in der Nachfolge Christi dienen sollen. Der heilige Franz von Sales meint: „Wir werden immer die Fußwaschung brauchen, da wir ja im Staube wandeln. Möge Gott uns die Gnade schenken, in seinem Dienst zu leben und zu sterben“ (DASal 8,84).
Das zweite Zeichen ist Brot und Wein, von denen Jesus sagt: „Das ist mein Leib für euch“ (1 Kor 11,24). – „Das ist mein Blut – der Kelch des neuen Bundes“ (1 Kor 11,25). Das feiern wir bei jeder Heiligen Messe. Der heilige Franz von Sales beschreibt das so: „Um die Gegenwart dieses heiligen Leibes im allerheiligsten Sakrament so zu erklären, dass niemand mehr zweifeln kann, … sage und versichere ich: Es ist der wahre, wirkliche, wesentliche natürliche Leib Jesu Christi, … dieser gleiche Leib, sage ich, ist wahrhaft, wirklich und wesentlich in diesem göttlichen Sakrament der Eucharistie gegenwärtig“ (DASal 11,344).
Also: Im Zeichen von Brot und Wein begegne ich Gott wahrhaft, wirklich und wesentlich. Das ist unser Glaube, und die Frage ist: Lasse ich mich von dieser wahrhaftigen, wirklichen und wesentlichen Gegenwart Gottes im Sakrament der Eucharistie überhaupt noch berühren? Ist die Heilige Messe für mich tatsächlich „Quelle und Höhepunkt des gesamten christlichen Lebens“, wie es das 2. Vatikanische Konzil erklärte?
Die Liturgie der Feier des letzten Abendmahles Jesu mit seinen Jüngern macht uns jedes Jahr deutlich, dass in der Kirche beides wesenhaft zusammengehört: das caritative Engagement und das Mysterium, das Geheimnis der Eucharistie. Das eine ist ohne das andere nicht möglich. Die heilige Mutter Teresa von Kalkutta hat das ihren Schwestern der Nächstenliebe eindringlich vorgeschrieben: Bevor die Schwestern zu den Armen gehen, sollen sie immer eine Stunde anbetend vor dem Allerheiligsten verbringen. Die Feier des Gründonnerstags möge uns also wieder achtsamer werden lassen für die Botschaft Jesu, die er uns durch die Fußwaschung und durch Wein und Brot mitgeteilt hat: die Botschaft seiner Liebe, die durch unser Verhalten gegenüber den anderen, vor allem gegenüber jenen, die am Rande stehen, ausstrahlen soll in die Welt. Und die Botschaft von der zentralen Bedeutung der Eucharistie für unser christliches Leben, die Feier, wo wir Gott wirklich, wahrhaft und wesentlich begegnen. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


