Predigt zum 2. Sonntag der Osterzeit (Joh 20,19-31)

Berührend

Wir haben ein Wort, mit dem wir zum Ausdruck bringen, dass uns etwas besonders bewegt, trifft, anspricht … dieses Wort heißt „berührend“. Und diese Wort könnte man als Überschrift zum heutigen Evangelium nehmen.

Der Auferstandene Jesus Christus berührt die Apostel. Er wünscht ihnen den Frieden, das Leben in Vollendung, er haucht sie mit seinem Heiligen Geist an. Und Jesus lässt sich von ihnen berühren, damit sie glauben, dass er kein Gespenst ist, auch wenn er durch verschlossene Türen kommt.

Der Apostel Thomas, der bei der ersten Begegnung nicht dabei ist, kommt dann sogar extra noch einmal dran. Er darf die Wunden Jesu berühren, so wie er es sich in seinem Zweifel gewünscht hat, und ja, er darf sogar die Seitenwunde Jesu berühren, das geöffnete Herz Jesu.

Angeregt durch dieses Evangelium können wir uns heute fragen: Lasse ich mich von Gott berühren und finde ich es berührend, dass Gott sich von mir bis in sein Herz hinein berühren lässt?

Der heilige Franz von Sales hat sich einmal mit genau dieser Frage beschäftigt und gemeint, dass wir „hundert- und aberhundertmal am Tag“ unseren Herrn berühren sollen, um von ihm berührt zu werden. Wörtlich meint er:

„Ich will damit sagen, dass wir unseren Geist damit befassen müssen, unseren gekreuzigten Herrn anzusehen und zu betrachten. Wenn wir sein Haupt berühren, werden wir es mit spitzen Dornen gekrönt finden … Wenn wir seine heiligen Hände berühren, werden wir sie von großen Nägeln durchbohrt finden. Wenn wir seinen teuren Leib berühren, werden wir ihn ganz zerschlagen finden … Wenn wir sein Herz berühren, werden wir es ganz entflammt und glühend finden von seiner unvergleichlichen Liebe zu uns … Wenn wir schließlich diese grenzenlose Liebe berühren, wie könnte es dann geschehen, dass wir nicht wieder lieben? … Wenn wir seine Geduld berühren, seine Milde und Güte, werden auch wir geduldig, mild und gütig werden. Kurzum, wenn wir unseren gekreuzigten Herrn hier auf Erden berühren, werden wir den großen Gott ewig schauen im Himmel droben“ (DASal 12,325).

Berührungen mit Jesus Christus finden nicht nur in unserem Geist statt, also mit unserer Vorstellungskraft und unseren Gebeten. Sie gibt es auch tatsächlich und spürbar in der Feier der Sakramente. Ein Symbol für diese Berührungen ist die Salbe, das Öl, das jedes Jahr in der Karwoche bei der Chrisammesse vom Bischof dafür geweiht wird.

Gott berührt uns in der Taufe mit dem Katechumenenöl und dem Chrisamöl, mit dem wir auch in der Firmung in Berührung kommen. Und schließlich berührt uns Gott auf ganz besondere Weise bei der Krankensalbung, wo unsere Hände und unsere Stirn mit dem Krankenöl gesalbt werden. Dabei wird eigentlich genau das zum Ausdruck gebracht, was Jesus seinen Jüngern im heutigen Evangelium sagte:

„Durch diese heilige Salbung helfe dir der Herr in seinem reichen Erbarmen, er stehe dir bei mit der Kraft des Heiligen Geistes: Der Herr, der dich von Sünden befreit, rette dich, in seiner Gnade richte er dich auf.“

Mit all diesen sakramentalen Berührungen möchte uns die Kirche deutlich machen, dass wir von Gott in unserem Leben immer wieder seine Barmherzigkeit und seine Liebe erfahren, so wie die Apostel, vor allem der Apostel Thomas. Lassen wir uns also von Gott und seiner Barmherzigkeit wieder berühren, weil wir von ihm schon in der Taufe berührt wurden. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS