Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis (Mt 25,1-13)
Der Tag in Gottes Gegenwart
In den gottesdienstlichen Feiern befinden uns mittlerweile am Ende des Kirchenjahres. In zwei Wochen feiern wir den Christkönigssonntag, den letzten Sonntag in diesem Kirchenjahr. Eine Woche später beginnt dann das neue Kirchenjahr mit dem Advent.
Im November werden wir auch viel mehr als sonst auf unsere Endlichkeit und Sterblichkeit aufmerksam gemacht. Zum Totengedenken und dem Besuch der Gräber verstorbener Angehöriger oder Freunde wurden wir bereits am Beginn dieses Monats an Allerheiligen und Allerseelen eingeladen. Die Natur tut nun ihr Übriges: Die Tage werden immer kürzer, die Nächte immer länger. Die Blätter fallen, das Leben zieht sich mehr und mehr in den Winterschlaf zurück.
In diesen Wochen spielen daher in den Gottesdiensten jene Bibelstellen eine besondere Rolle, in der Jesus Christus Gleichnisse über das Kommen des Himmelreiches oder Gottesreiches erzählt. Die entscheidende Aussage all dieser Gleichnisse ist dabei der Satz: „Seid wachsam, denn ihr wisst weder den Tag noch die Stunde.“ So hörten wir es auch heute am Ende der Geschichte von den törichten und klugen Jungfrauen und ihren vollen oder leeren Öllampen. Mit diesem Gleichnis macht sich Jesus also nicht über die Frauen lustig, die sich viel zu kurzsichtig auf ein Hochzeitsfest vorbereitet haben. Ganz im Gegenteil: Er meint es sehr ernst damit, dass jeder Mensch, egal ob Mann oder Frau, egal ob jung oder alt, vorbereitet sein soll auf das Kommen des Himmelreiches, denn niemand kennt den Tag noch die Stunde. Für die Unvorbereiteten kann das ungeahnte Folgen haben, so wie die verschlossene Tür, vor der die Jungfrauen stehen, die zu wenig Öl zur Verfügung hatten, um dem Bräutigam Licht zu spenden.
Jesus möchte uns mit diesen Gleichnissen nicht die Lebensfreude nehmen, sondern uns vielmehr zu einem bewussteren Leben im Hier und Jetzt anspornen, oder im Bild des heutigen Gleichnisses gesprochen: Er möchte, dass wir unser Leben so gestalten, dass immer genug Öl für die Öllampen vorhanden ist.
Aber was heißt das jetzt konkret? Der heilige Franz von Sales hat dafür sogar eine kleine Schrift zusammengestellt. Er nennt es das „Geistliche Direktorium“, also einen spirituellen, geistlichen Wegweiser. In dieser Schrift findet man Anregungen, wie man jeden Tag vom Aufstehen bis zum Schlafen in der Nacht so leben kann, dass wir dabei Gott in allen Dingen finden und der Tag zu seiner Ehre gelebt wird, damit wir eben wachsam und bereit sind auf das Kommen des Himmelreiches. Denn davon war Franz von Sales überzeugt: Wir leben in der Gegenwart Gottes, auch wenn wir ihn nicht sehen können, aber er ist da und wir sollen uns das immer wieder bewusst machen, nicht nur beim Beten oder am Sonntag in der Heiligen Messe, sondern ebenso in der Arbeit, in der Freizeit, am Morgen, zu Mittag, am Abend und in der Nacht.
Auf diese Weise fülle ich meine Öllampe mit Öl und es ist immer genug Licht da, um Gott zu empfangen, auch wenn ich nicht weiß an welchem Tag und zu welcher Stunde das sein wird.
Franz von Sales empfiehlt uns in seinem „Geistlichen Direktorium“: „Wer als Christin oder Christ Fortschritte machen will, soll am Beginn aller Handlungen Gott um seine Hilfe und Begleitung bitten. Das ist eine gute Vorbereitung, um alles mit Gott zu tun und in allem seinen Willen zu erfüllen. Auf diese Weise möchte mich Gott mit der Fülle seiner Liebe beschenken. Alles, was wir tun, soll im Namen Gottes geschehe“ (vgl. DASal 12,403-404).
Genau dazu möchte uns Jesus Christus mit dem heutigen Gleichnis anspornen, zu diesem wachsamen und vorbereiteten Leben in der Gegenwart Gottes. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


