Predigt zu Allerseelen (Jes 25,6a.7–9, Phil 3,20–21, Lk 7,11–17)

Nachdenken über Sterben und Tod

Es lohnt sich tatsächlich, einen Friedhof zu besuchen, nicht nur um der Toten zu gedenken, sondern um sich mit seiner eigenen Sterblichkeit und den verschiedenen Weisen im Umgang mit Sterben und Tod auseinanderzusetzen. Es heißt sogar, dass man einen Ort nur dann wirklich kennt, wenn man auch den Friedhof dieses Ortes gesehen hat.

Auf Friedhöfen wird nicht nur Geschichte geschrieben, dort wird auch sichtbar, wie verschieden Menschen mit der Realität des Todes umgehen: Das pompöse Ehrengrab zeigt das genauso, wie die vergessenen, ja verwahrlosten Gräber oder die unterschiedlichsten Formen der Grabgestaltungen dazwischen.

Eine Legende erzählt, dass ein junger Mönch einmal mehr über den Sinn des Lebens erfahren wollte. Sein Abt schickte ihn auf den Friedhof – und dann heißt es: „Ab diesem Tag war der junge Mönch nicht mehr derselbe.“ Seine Sicht auf das Leben hat sich eben verändert.

Es gibt Menschen, die wollen mit dem Tod nichts zu tun haben, sie schieben ihn so weit wie möglich weg, sogar beim Tod der nächsten Angehörigen. Die kürzeste Variante einer Beerdigung ist die Einsegnung direkt am Grab, ohne große vorherige Aufbahrung in der Aussegnungshalle oder einer Kirche. Nach einer Viertelstunde ist alles vorbei und man kann den Friedhof wieder hinter sich lassen. Andere wiederum können den oder die Verstorbene einfach nicht loslassen, auch nicht nach Jahren der Trauer. Hier wird das Leben nach dem Tod ersetzt durch den Tod vor dem Leben.

Wir Christinnen und Christen trauern und denken an die Verstorbenen nicht ohne Hoffnung. So sage ich es eigentlich bei jeder Beerdigung – und ich zitiere die hoffnungsvollen Aussagen der Bibel, so wie wir es auch heute gehört haben: „Gott hat den Tod für immer verschlungen – er wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen“ (Jes 25,8), sagt uns der Prophet Jesaja. Der Apostel Paulus verkündet: „Unsere Heimat ist im Himmel“ (Phil 3,20). Und Jesus wird auch zu uns einmal sagen, was er zum Jüngling von Nain sprach: „Ich sage dir: Steh auf!“ (Lk 7,14). Natürlich darf bei diesen Hoffnungsworten auch der heilige Franz von Sales nicht fehlen. Eines seiner vielen Trostworte lautet zum Beispiel: „Im Hafen der Ewigkeit erreicht die Seele die höchste Stufe der Liebe, die sie erklimmen kann“ (DASal 3,180).

Allerseelen lädt uns nicht nur ein, uns an unsere Verstorbenen zu erinnern und für sie zu beten. Wir sind ebenso dazu eingeladen, uns mit der eigenen Sterblichkeit zu beschäftigen: Was kommt danach, was ist zu tun, um vorbereitet zu sein … und vor allem, lasse ich mich von dieser Hoffnung tragen, die uns unser christlicher Glaube schenkt. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS