Predigt zum Fest Allerheiligen (Mt 5,1-12a)
Zusammenklingender Vielklang
Auch wenn jetzt überall die Friedhöfe besucht und die Gräber geschmückt werden, so ist Allerheiligen zuerst einmal kein Fest der Trauer, sondern der unbändigen Freude, so wie es auch am Schluss des heutigen Evangeliums gelautet hat: „Freut euch und jubelt, denn euer Lohn im Himmel wird groß sein.“
Es geht also um die Frage, wohin unsere Lebensreise geht, nachdem wir gestorben sind. Die erste gute Nachricht ist: Auch wenn der Tod eine unausweichliche Realität für jeden Mensch darstellt, so ist er nicht das Ende. Darauf macht uns das Fest Allerheiligen aufmerksam. Der Tod ist nur die Schwelle, die jede und jeder überschreiten muss, die Tür, um ins unsterbliche Leben zu gelangen. Wie dieser Himmel dann aussieht, das wissen wir leider nicht, aber es gibt zahlreiche Bilder, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, um das ewige Leben zu beschreiben. Jesus Christus etwa liebt das Bild des königlichen Hochzeitfestes, zu dem alle eingeladen sind.
Der heilige Franz von Sales versuchte seine Beschreibung einmal mit Hilfe der Musik. Die Seele betritt nach dem Tod einen riesigen Konzertsaal, in dem alle unterschiedlichsten Stimmen des himmlischen Orchesters in einem „vielklingenden Zusammenklang“ oder „zusammenklingenden Vielklang“ in reinster Harmonie schließlich einstimmen in ein ewiges, unendliches Halleluja (vgl. DASal 3,50 und 260).
Denkt einfach an das schönste Konzerterlebnis, das ihr je erlebt habt, wo es euch von den Stühlen riss vor Begeisterung, all das ist nichts im Vergleich zu der Herrlichkeit, die auf uns wartet.
Genau diese ewige Freude feiern wir an Allerheiligen. Und wir feiern noch etwas, worauf uns der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl mit seinem Bischofsmotto wieder erinnert hat: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Diese Aussage stammt vom heiligen Johannes von Antiochien aus dem 2. Jahrhundert. Er sagte es im Bewusstsein, dass er bald als Märtyrer sterben wird. Erzbischof Grünwidl, selbst gelernter Musiker, hat zu diesem Bild der Melodie Gottes bereits mehrfach etwas gesagt. Einmal erklärte er:
„Das Evangelium ist unsere Partitur, und der Heilige Geist ist unser Dirigent. Seien wir achtsam, hören wir auf ihn und aufeinander, und bringen wir unsere vielfältigen Stimmen ein in das symphonische Lob Gottes! Singen wir gemeinsam und vielstimmig das Lied des Friedens auf Erden, der dort möglich wird, wo Menschen Gott in der Höhe die Ehre geben.“
Auch das passt zum Fest Allerheiligen: Wir sind Gottes Melodie und dazu fähig, unsere vielfältigen Stimmen in das symphonische Lob Gottes einzubringen. Jede Stimme, jeder Ton ist dabei wichtig und wesentlich, nicht nur im himmlischen Orchester der Ewigkeit, sondern schon jetzt und hier. So wie es die unzähligen Heiligen taten, die wir in der Kirche immer wieder feiern und uns als Schutzpatrone und Namenspatrone begleiten, und uns daran erinnern, dass auch wir dazu berufen sind, heilig zu werden, weil wir durch unsere Taufe heilig sind. Oder im Bild der Musik: Eine jede und ein jeder ist ein einzigartiger Ton in Gottes Symphonie. Auch daran erinnert uns das Fest Allerheiligen: Selig seid ihr. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS



