Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit (Joh 17,1-11a)

Ewigkeit

Seit der Mensch denken kann, beschäftigt ihn seine Endlichkeit, also die Frage, was kommt nach dem Tod? Zeugnisse darüber geben uns Höhlenmalereien, antike Grabmäler und Grabbeigaben und die damit verbundenen unterschiedlichsten Vorstellungen und Bilder über das ewige Leben.

Die Idee, dass mit dem Tod alles endet, also danach nichts mehr ist, hat im menschlichen Denken erst sehr spät begonnen. Diese Idee fordert allerdings alle Religionen dazu heraus, über ihre je eigenen Vorstellungen über das Leben nach dem Tod neu nachzudenken.

Im Evangelium, das wir gerade gehört haben, betet Jesus Christus zu Gott: „Verherrliche deinen Sohn, damit er allen das ewige Leben schenkt.“

Worin aber besteht dieses ewige Leben? Wie sieht dieses ewige Leben aus? Nach den Worten Jesu besteht es darin, dass der Mensch den einzig wahren Gott erkennt und Jesus Christus, den er gesandt hat. Also: Wer zu Gott und zu Jesus Christus ja sagt, der hat das ewige Leben, wer Gott uns Jesus Christus ablehnt, der hat es nicht. Damit beginnt also das ewige Leben bereits hier auf Erden mit meiner Entscheidung, Gott erkennen zu wollen und seinen Sohn Jesus Christus. Der Tod ist dann nur noch ein Übergang, wie es der heilige Franz von Sales nennt, „ein Übergang von einem Leben zum anderen und Sterben heißt nichts anderes, als die Grenzen dieses sterblichen Lebens überschreiten, um zum unsterblichen Leben hinüberzugehen.“

Natürlich haben wir alle möglichen Bilder davon in uns, wie diese Ewigkeit aussehen könnte. Die Bibel spricht vom Garten des Paradieses, vom Hochzeitsmahl oder Festmahl, von der Herrlichkeit des Himmels, in der es keine Tränen mehr gibt, sondern nur noch die Freude und die Liebe, mit der Gott uns beschenkt. All das sind Bilder, die uns verstehen lassen wollen, dass das ewige Leben in der Vereinigung und Einheit mit Gott besteht, der uns in seine Wohnungen aufnimmt, die er für uns vorbereitet hat: „Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein,“ so sagt es Jesus.

Unsere Aufgabe besteht also nicht darin, herauszufinden, wie das Paradies tatsächlich aussieht, und ob es da auch so etwas wie eine Hölle gibt oder ein Fegefeuer, mit all den furchtbaren Qualen, die uns da drohen, unsere Aufgabe ist es, jeden Tag von Neuem Jesus Christus und seiner Liebe näher und näher zu kommen, in dem wir diese Liebe Gottes in uns und um uns herum erkennen, ihn dafür loben und preisen und diese Liebe in unserer Welt spürbar machen. Dazu braucht es vor allem eine persönliche, eine lebendige Gottesbeziehung, so wie Jesus uns diese vorgelebt hat. Gott ist da, wie die Luft, die ich atme, er ist kein weit entferntes überirdisches Sein, er ist ein Du, das mich ganz persönlich und auf einzigartige Weise liebt mich und möchte, dass auch ich ihn liebe, nicht um seinetwillen, sondern um meinetwillen, denn nur so ist ewiges Leben in Vollendung möglich – und zwar schon jetzt, hier auf Erden.

„Die Liebe zu Gott zu verlieren ist der einzige Verlust, den wir in diesem Leben fürchten müssen,“ (DASal 6,154) sagt daher der heilige Franz von Sales, denn ohne diese Liebe fallen wir tatsächlich ins bodenlose Nichts, in die Sinnlosigkeit unserer Existenz. Ohne diese Liebe verlieren wir unseren Halt, unsere Orientierung, unsere Perspektive für eine sinnvolle Zukunft. Um uns das begreifbar zu machen, ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden, am Kreuz gestorben und auferstanden – und er hat uns den Heiligen Geist geschenkt, dessen Fest wir in einer Woche wieder feiern, damit wir es unser ganzes irdisches Leben lang nicht vergessen und immer wieder dazu aufgefordert werden, Gott neu zu erkennen und Jesus Christus, den er gesandt hat. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS