Predigt zum Requiem P. Reinhold Schmitt OSFS

Gerne bei den Menschen

Lesung: Philipper 2, 1-8 Evangelium: Mt 5, 1 – 12

Pater Reinhold lebte die Seligpreisungen, von denen wir gerade gehört haben, auf seine ganz eigene Weise. Er war gerne bei den Menschen – nicht von oben herab, sondern mit einem sanftmütigen Herzen, das zuhören konnte. In ihm erkannte man etwas von jener Haltung, die Paulus im Philipperbrief beschreibt: „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst.“ Er sah in jedem und jeder die Würde, die Gott ihnen geschenkt hat. Denn er sah hinter die Fassade des Äußeren, erkannte die Nöte und Sorgen. Mit dem Blick des Künstlers schaute er tiefer, suchte das Gute im Menschen, hatte Hunger und Durst nach Gerechtigkeit für jene, die am Rand standen. Er tat nichts aus Eigennutz oder Prahlerei, wie Paulus schreibt, sondern aus echter Anteilnahme. Seine Aufmerksamkeit war ein Geschenk: Er nahm sich Zeit, war umgänglich, begegnete jedem mit Freundlichkeit. In seiner Art spiegelte sich etwas von der Barmherzigkeit wider, die Jesus seligpreist – jene Barmherzigkeit, die nicht richtet, sondern tröstet und begleitet.

Am 9. September 1932 wurde Reinhold Schmitt in Maidbronn geboren. Sehr früh verlor er seine Eltern. Aber er fand eine neue Familie, für die er dankbar war, vor allem für seine Stiefmutter, die er sehr gern hatte, weil sie so gut zu ihm war. Seine Hände lernten, mit Stein und Material umzugehen. Als Bildhauer und Stuckateur formte er Materie, sah in rohen Steinen mehr als nur deren Oberfläche. Er erkannte die verborgene Schönheit, die Gestalt, die im Inneren wartete, ans Licht gebracht zu werden. Diese Gabe des Sehens, des Erkennens dessen, was unter der Oberfläche liegt, sollte sein ganzes Leben prägen. Denn Gott hatte mit diesem begabten Handwerker noch mehr vor. Mit 24 Jahren wagte Reinhold Schmitt den Neuanfang, besuchte die Spätberufenenschule in Fockenfeld und folgte seiner Berufung zum Ordensmann und Priester. 1961 trat er ins Noviziat der Oblaten des heiligen Franz von Sales in Eichstätt ein. Der 29. Juni 1968 – das war der Tag seiner Priesterweihe. Welch ein Weg: vom Bildhauer zum Seelsorger! Und doch, derselbe Blick. Der Blick, der hinter das Äußere sieht. Der in jedem Menschen mehr als den äußeren Schein erkennt: die Gefühle, die Seele, das Herz, das Ebenbild Gottes.

60 Jahre als Priester bei den Menschen – das bedeutet unzählige Begegnungen, Tausende von Gottesdiensten, unermesslich viele Gespräche, Tröstungen, Begleitungen. Von Linz-Pöstlingberg über Haßfurt bis nach Pleystein-Kreuzberg führte sein Weg. In Haßfurt wirkte er über 40 Jahre als Stadtpfarrer. Er war Krankenhaus-Seelsorger, Caritaspfarrer, Dekan – immer im Dienst am und mit den Menschen. Die Stadt ehrte ihn 2007 mit der Ehrenbürgerschaft, Bayern verlieh ihm 2011 die Denkmalschutzmedaille. Auf der Traueranzeige der Stadt Haßfurt heißt es: „Er hat das kirchliche und gesellschaftliche Leben in Haßfurt über Jahrzehnte hinweg wie kein anderer geprägt. … Mit großer Hingabe, festem Glauben, tiefer Herzlichkeit und feinem Humor war er Seelsorger und Ansprechpartner in allen Lebenslagen, spendete Trost, Zuversicht und Gemeinschaft. Sein Einsatz für die Pfarrgemeinde, sein klares Wort und seine tiefe Verbundenheit mit Haßfurt brachten ihm große Anerkennung und Wertschätzung ein.“ Und er selbst sagte bei seinem Abschied von Haßfurt: „Nach all den vielen Jahren, in denen ich versucht habe, als Seelsorger in Ihrer Gemeinde zu leben, Freud und Leid mit Ihnen zu teilen, ist es nicht einfach, nun die Wurzeln zu lösen und zu gehen. Zwar sollte ein Priester seine Wurzeln woanders haben als in irgendeiner heimatlichen Scholle. Doch Haßfurt war ein Ort, an dem ich mich wohl fühlte.“ Klar, es hat auch Zeiten gegeben, so sagte er, wo sein „Lebenskarren“ schwer zu ziehen gewesen und manchmal sogar stecken geblieben sei. Gerade gegen Ende seiner Zeit in Haßfurt, wo es geknatscht hat wegen der Renovierung der Ritterkapelle. Aber aus der Verbitterung ist wieder Freundschaft und Versöhnung geworden. „Die Menschen haben ihn gerne gehabt, und er hat auch die Menschen gerne gehabt“ – in diesem einfachen Satz liegt das Geheimnis seines priesterlichen Wirkens. Hier spüren wir den Geist des heiligen Franz von Sales, der schrieb: „Leben ohne Liebe ist sehr viel schlimmer als der Tod.“

Der Pater vom Berg, wie er sich in Pleystein auch selbst nannte, war gerne bei den Menschen. Er war umgänglich, hatte ein großes Gespür für die Sorgen und Freuden und war unheimlich aufmerksam, ein leidenschaftlicher Fotograph, der die schönen Plätze und Orte kannte und wohin er dann auch bis vor wenigen Jahren wunderschöne Pfarrausflüge organisierte.

Ich selbst behalte Reinhold auch mit einem Lächeln im Gesicht in Erinnerung. Bei Gottesdiensten machte er auch gerne mal einen Witz. Wie kostbar ist ein Seelsorger, der die Menschen nicht nur belehrt, sondern der mit ihnen lacht, der ihnen Freude schenkt! Seine Musik, Gitarre, Blasinstrument, sein Klavierspiel – auch das war Ausdruck seiner Lebensfreude und seiner Begabungen.

Was mir auch in Erinnerung bleiben wird, sind Gottesdienste mit ihm auf dem Kreuzberg. Mit über 90 Jahren. Einmal war ausgemacht, dass ich den Hauptzelebranten mache, und Reinhold dabeisteht. Aber gleich nach dem Einzug stand er in der Mitte des Altars und begann den Gottesdienst. Die alte Ordnung war wieder hergestellt. Und das Schöne war: Bis zuletzt war sein Glaube keine Routine, keine bloße Gewohnheit. Bis zum Ende merkte man, dass es nicht nur Routine war, sondern er machte jedes Gebet zu seinem eigenen Gebet – welch ein schönes Zeugnis! Man merkte es an der Betonung der Worte, an der Hingabe, mit der er die heiligen Mysterien feierte.

Mit 93 Jahren hatte er das Leben verstanden – und das Geheimnis war verblüffend einfach: Nicht jammern, dankbar sein, lächeln. Fertig. Die Treppen am Kreuzberg? Für andere in seinem Alter eine Qual. Für ihn? Ein täglicher Spaziergang. Vielleicht nicht mehr ganz so elegant wie mit zwanzig, ein bisschen wackelig manchmal, aber mit dieser stillen Genugtuung im Gesicht: „Seht her, ich schaff’s noch!“ Und das tat er auch. Frühstück machen, Tassen und Teller spülen – manchmal mit mehr Enthusiasmus als Präzision und Sauberkeit.

Am Ende war er zufrieden. Und das ist vielleicht die größte Kunst: Mit 93 auf ein Leben zurückzublicken und zu lächeln. Welch ein Geschenk für einen Menschen, so aus diesem Leben scheiden zu dürfen! Er hatte seine Aufgabe erfüllt, hatte geformt – nicht nur Steine, sondern vor allem Menschen. Er hatte geliebt und war geliebt worden. Der heilige Franz von Sales sagt uns heute: „Der Verstorbene ist nicht tot; er ist lediglich heimgegangen. Er ist uns nicht so fern, wie wir denken.“ Heimgegangen. Der Bildhauer ist beim Schöpfer angekommen. Er hat sein Werkzeug niedergelegt, seine irdische Aufgabe vollendet, im Krankenhaus in Kemnath, wo er im Beisein von Frau Feneis und seiner langjährigen Haushälterin, Frau Siller, am 22. Januar friedlich, beim Gebet des Rosenkranzes, eingeschlafen ist. Danke für alles, Frau Siller, was Sie in den 17 Jahren für den Bergpater alles getan haben. Ich könnte mir vorstellen, dass er auch wegen Ihnen auf keinen Fall vom Berg wegwollte.

Ein großes Danke an P. Thom Mühlberger, der zwei Jahre ein wachsames, fürsorgliches und mitbrüderliches Auge auf P. Reinhold geworfen hat.

Und Danke an die treue Gottesdienstgemeinde, die ihm so gutgetan hat.

Der heilige Franz von Sales wusste: „Die Tränen nach dem Tod sind späte Erweise der Freundschaft.“

Es dürfen keine Tränen der Trauer sein, sondern Tränen der Dankbarkeit. Dankbarkeit für ein langes und erfülltes Leben. Dankbarkeit für einen treuen Priester. Dankbarkeit für einen Menschen, der gesehen hat – in die Herzen hinein, auf das Wesentliche hin.

Am Dienstag war ich in Wien in der Oper und habe „La Traviata“ erlebt. Die letzten Worte, die die totkranke Violetta singt, lauten: „Eine ungewohnte Kraft erfasst mich. Ich kehre zum Leben zurück.“

Im Vertrauen darauf, dass Pater Reinhold Schmitt zum Leben bei Gott zurückgekehrt ist, wollen wir nun diesen Gottesdienst feiern. Amen.

P. Provinzial Josef Költringer OSFS, 5. Februar 2026, Salesianum Rosental, Eichstätt