Predigt zum Franz von Sales Fest (Mt 4,12-23)
Wir sind berufen
Eine der wesentlichsten Überzeugungen des heiligen Franz von Sales war es, dass jeder Mensch von Gott berufen ist. Also bei jedem Menschen geschieht genau das, was wir so eben im Evangelium gehört haben. Jesus geht auf Simon Petrus und Andreas, auf Jakobus und Johannes zu und sagt zu ihnen: „Kommt her, mir nach!“ Eine jede und ein jeder darf sich von Jesus mit diesen Worten persönlich angesprochen fühlen – und er darf sich fragen, wie er oder sie auf diese Aufforderung Jesu antwortet.
In dieser Situation sagt uns der heilige Franz von Sales, dass die Antwort von Person zu Person verschieden sein darf. Jeder Mensch besitzt allerdings Fähigkeiten und Talente, von denen Gott möchte, dass er sie in den Dienst Gottes stellt. Wörtlich formuliert das Franz von Sales so:
„Bei der Schöpfung befahl Gott den Pflanzen, Frucht zu tragen, jede nach ihrer Art. So gibt er auch den Gläubigen den Auftrag, Früchte der Frömmigkeit zu tragen; jeder nach seiner Art und seinem Beruf. Die Frömmigkeit muss anders geübt werden vom Edelmann, anders vom Handwerker, Knecht oder Fürsten, anders von der Witwe, dem Mädchen, der Verheirateten. Mehr noch: die Übung der Frömmigkeit muss auch noch der Kraft, der Beschäftigung und den Pflichten eines jeden angepasst sein“ (DASal 1,37).
Aus den Fischern Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes wurden dadurch Menschenfischer und Apostel. Andere wiederum folgten Jesus, ohne Menschenfischer oder Apostel zu werden. Ihre Aufgaben waren eben andere, gemeinsam aber war allen, dass sie den Ruf Jesu: „Komm her, mir nach!“ mit Ja beantworteten und sich und ihre jeweiligen Fähigkeiten und Talente in den Dienst Gottes stellten.
In der Kirche nennen wir das seit dem zweiten Vatikanischen Konzil die „allgemeine Berufung zur Heiligkeit“, eine Formulierung, die durch den heiligen Franz von Sales und sein berühmtestes Buch „Philothea – Anleitung zum frommen Leben“ begonnen hat, sich in der Lehre der Kirche durchzusetzen.
Das Fest des heiligen Franz von Sales, das wir heute feiern, regt uns also dazu an, wieder einmal genau darüber nachzudenken, wie ich in meinem Leben diesem Anruf Jesu: „Komm her, mir nach!“ folgen kann, dort, wo ich lebe, mit dem, was ich arbeite, mit dem Alter, in dem ich mich gerade befinde, und natürlich mit all den Talenten und Fähigkeiten, die mir von Gott geschenkt wurden. Wie kann ich dazu beitragen, dass durch mich in meiner Welt Wirklichkeit wird, wozu Jesus Christus Mensch geworden ist und wovon der Prophet Jesaja sagt: „Das Volk, das im Dunkel saß, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.“ Wie kann ich durch mein Leben dazu beitragen, dass dieses Licht in der Dunkelheit der Welt weiter leuchtet?
Ein Bischof muss das natürlich ganz anders tun, als der Christ oder die Christin an ihrem Arbeitsplatz, wie das Kind, der Jugendliche, der Erwachsen oder die Seniorin, der Senior. Josef Grünwidl, der heute zum Erzbischof von Wien geweiht wurde, hat sich in den letzten Wochen sicher immer wieder Gedanken darüber gemacht, wie er seine Aufgabe als Bischof erfüllen will. Genau diese Gedanken sollte sich eine jede, ein jeder von uns auch immer wieder machen, nicht um auch Bischof zu werden, sondern um Jesus nachzufolgen: Wie kann ich Jesus Christus in meinem Leben zum Leuchten bringen? Was kann ich dazu beitragen, dass seine Botschaft der Liebe durch mich aufstrahlt. Das Erste und Wichtigste dabei ist eigentlich ganz einfach: Ich brauch es Jesus nur zu sagen: Ja, Herr, ich will dir folgen, ich will tun, was du sagst. Alles andere übernimmt dann Jesus Christus. Er braucht nur unsere freie Entscheidung, die wir ihm jeden Tag von Neuem geben sollen, damit er durch uns in unserer Welt wirken kann. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


