Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit (Joh 14,15-21)

Was ist Wahrheit?

was ist Wahrheit? Diese Frage beschäftigte nicht nur den römischen Statthalter Pilatus vor 2000 Jahren, er beschäftigt die Philosophie und Theologie zu allen Zeiten.

Heute ist diese Frage vielleicht sogar noch wichtiger als je zuvor, ausgelöst durch die modernen Computertechnologien und vor allem durch die künstliche Intelligenz. Wahrheit kann heute im wahrsten Sinne des Wortes – kinderleicht – verfälscht, manipuliert, verdreht werden. Fakenews und Deep Fakes – also Falschmeldungen, falsche Fotos und Videos – herzustellen und in Sekundenschnelle in der ganzen Welt zu verbreiten, das ist kein Problem mehr und es wird immer schwieriger, diese Fälschungen zu erkennen. Die so genannte Internetkriminalität nimmt rasant zu – täuschend echte Betrügereien, auf die immer wieder Menschen trotz ständiger Warnungen hereinfallen. [Unlängst wurde ein solcher Betrug in Albanien aufgedeckt: der Schaden: mindestens 50 Millionen EUR.]

Am besten, so könnte man mittlerweile schon fast sagen, glaubt man gar nichts mehr, was im Internet oder den sozialen Medien verbreitet wird – es kann eben alles gefälscht sein.

Vielleicht mag uns diese Entwicklung deutlich machen, wie aktuell und vor allem tröstlich die Aussagen Jesu aus dem heutigen Evangelium sind, wo er seinen Jüngerinnen und Jüngern verspricht:

„Ich werde euch einen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, denn die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird.“

Für den heiligen Franz von Sales ist klar, dass dieser „Geist der Wahrheit“ der Heilige Geist ist, die Geisteskraft Gottes, die vor allem in der Kirche lebt und wirkt. Wörtlich schreibt er: „Wer die Wahrheit unter einer anderen Führung (als der Kirche) sucht, der verfehlt sie. Der Heilige Geist ist der Lenker der Kirche; er leitet sie durch seinen Hirten. Wer also dem Hirten nicht folgt, der folgt nicht dem Heiligen Geist“ (DASal 10,223). Dieser Hirte ist natürlich der Papst zusammen mit seinen Bischöfen. Wer ihnen folgt, der folgt der Wahrheit und wird daher nicht in die Irre gehen.

Es empfiehlt sich daher, auf das zu achten, was der Papst oder die Bischöfe sagen. Gerade in Zeiten, in der alles Mögliche und Unmögliche behauptet wird, gibt uns das für unser Handeln Orientierung. Natürlich mag das manchmal kompliziert klingen oder antiquiert. Wahrheit ist eben nicht einfach, sie kann nicht auf eine Schlagzeile reduziert werden, und sie passt sich auch nicht an jede beliebige Zeitströmung an. Wahrheit muss erfragt, durchdacht und vor allem erbetet werden. Es braucht dazu das Einssein mit Gott, das mit Jesus Christus Verbundensein, mit Jesus, der uns sagt: „Ich bin in meinem Vater, ihr seid in mir und ich bin in euch.“ Wer die Wahrheit erkennen will, braucht die Liebe zu Gott und das Hören auf seine Gebote. Ohne all dem ist es sehr schwer, dem Geist der Wahrheit auf die Spur zu kommen, und das gilt heute mehr denn je. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS