Predigt zum Karfreitag (Joh 18,1-19,42)

Das offene Ohr

„Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht! Und er neigte das Haupt und übergab den Geist“ (Joh 19,30).

In der Hauskapelle des Redemptoristenklosters in Cham in Bayern wird genau dieser Augenblick beim dort dargestellten gekreuzigten Jesus Christus festgehalten. Jesus neigt sein Haupt und stirbt. Das Besondere dabei ist, dass bei dieser Darstellung des geneigten Hauptes das Ohr Jesu direkt auf den Betrachter gerichtet ist. Der Künstler wollte damit offenbar deutlich machen: Der gekreuzigte Jesus Christus, den du hier betrachtest, er hört dir zu.

Ich leitete in diesem Kloster in Cham schon ein paar Mal Exerzitien – und die Menschen, die ich da begleitete, erzählten mir immer wieder, wie sehr sie beim Beten in der Kapelle von dieser Darstellung angesprochen wurden: Der gekreuzigte Christus hört mir zu, er hat ein offenes Ohr für mich, ihm darf ich alles sagen, ihm darf ich mein Herz ausschütten. Bei ihm kommen meine Anliegen, meine Sorgen, meine Fragen, meine Zweifel … an.

Am Beginn der Kirchengeschichte wurde es vermieden, Jesus als den Gekreuzigten darzustellen. Die Schande dieses grausamsten römischen Folterwerkzeugs, an dem nur die größten Verbrecher hingerichtet werden durften, war einfach zu groß. Erst mit der Zeit wurde deutlich, dass Gott uns durch das Leiden und den Kreuzestod Jesu etwas Wesentliches mitteilen möchte: seine unendlich Liebe zu uns Menschen. „Es gibt keine größere Liebe als wenn einer sein Leben gibt für seine Freunde“ (Joh 15,13). „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat“ (Joh 3,16). Gott ist kein ferner Gott, er ist Immanuel, der Gott mit uns (Mt 1,23), der unsere Leiden nicht nur kennt, sondern diese Leiden selbst auf sich nimmt, um uns zu erlösen.

Gott hört den Schrei seines Volkes … so heißt es schon in Ersten Testament im Buch Exodus (3,7). Er befreit die Menschen aus der Sklaverei und führt sie in das gelobte Land.

Wenn wir heute am Karfreitag das Kreuz enthüllen und verehren, dann verehren wir damit kein grausames Folterwerkzeug, sondern wir verehren Gott, der uns zuhört und ein offenes Ohr für uns hat. Ihm dürfen wir alle unser Anliegen und Sorgen sagen, nicht nur heute, sondern jeden Tag.

So versteht es auch der heilige Franz von Sales, der in einer Predigt meinte: Wir verehren das Kreuz „nicht aus Liebe zum Kreuz, sondern aus Liebe zu dem, dem es angehört. … Wir verehren das Kreuz nie anders als in der Absicht, den Gekreuzigten zu ehren. Zu eurem Trost gebe ich euch den Rat: Wenn ihr das Kreuz anschaut, sollt ihr stets den Gekreuzigten an ihm sehen“ (DASal 9,60).

Und dieser Gekreuzigte neigt uns sein Ohr zu … er hört uns. Franz von Sales meint: „O bleiben Sie voll Demut, Einfachheit, Mut und herzlicher Freude vor Gott, dem ganz einzigen Gegenstand unserer Liebe und unserer Seele. Bleiben Sie so ganz in Gott, entweder fühlbar oder durch den Glauben … denn es steht geschrieben, dass die Augen des Herrn auf die Armen schauen (Ps 9,30; 10,5) und dass seine Ohren ihre Gebete hören.“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS