Predigt zum 4. Fastensonntag (Joh 9,1-41)
Ich bin das Licht
Johannes ist der Theologe unter den Evangelisten. Das heißt: Er erzählt nicht einfach das Leben Jesu von der Geburt bis zur Auferstehung, er interpretiert es bereits. Damit möchte er jenen Menschen, die Jesus nicht mehr persönlich kannten, deutlich machen, wer Jesus wirklich war und ist. Deshalb finden wir im Johannesevangelium auch die so genannten „Ich bin“-Aussagen Jesu. Vor einer Woche, am 3. Fastensonntag, sagte Jesus zur Samariterin am Jakobsbrunnen: „Ich bin das Wasser des Lebens“. Heute hören wir ihn mit den Worten: „Ich bin das Licht der Welt“.
Diese „Ich bin“-Aussagen beziehen sich alle auf den Gottesnamen, den Gott dem Mose am brennenden Dornbusch gesagt hatte: „Ich bin der ich bin“, also „Ich bin der Seiende“. Jesus nun erklärt diesen durchaus schwierigen Namen Gottes und er bezieht ihn auf sich selbst: „Ich bin das Wasser des Lebens“, „Ich bin das Licht der Welt“, „Ich bin das Brot des Lebens“, „Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben“. Damit macht uns der Evangelist Johannes deutlich: Dieser Jesus ist Gott, der sich Mose offenbarte, und durch Jesus wissen wir jetzt, dass Gott nicht nur existiert, sondern dass er für uns Wasser, Brot, Licht, Weg, Wahrheit und Leben ist. Wer Jesus Christus folgt, der hat das Leben in Fülle, obwohl dieser Jesus aufgrund seiner Aussagen und Handlungen so viel Kritik einstecken musste und deshalb sogar verurteilt und gekreuzigt wurde.
Untermauert wird all das durch die verschiedenen Zeichenhandlungen, wie etwa die Heilung des Blindgeborenen, von der wir heute hörten. Es ist übrigens eines der wenigen Wunder, die Jesus von sich aus machte, ohne dazu aufgefordert zu werden. Der Grund dafür ist eine theologische Streitfrage: „Wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern.“ Jesus beantwortet diese Frage mit den Worten: „Niemand, denn alle sollen durch diesen Blindgeborenen erkennen, dass ich das Licht der Welt bin.“ Und genau das geschieht. Der Blinde kann wieder sehen.
Die Gegner Jesu erkennen darin aber nicht die Göttlichkeit Jesu. Sie bleiben verblendet und halten ihm vor, das Sabbatgebot verletzt zu haben. Für den Blindgeborenen jedoch öffnen sich die Augen: Für ihn ist ein Prophet, für ihn ist Jesus der Menschensohn, also der von den Propheten vorhergesagte Messias, Christus, Heiland, Retter und Erlöser.
Für all das möchte der Evangelist Johannes den Menschen – und damit auch uns – die Augen öffnen. Und so erklärt es auch der heilige Franz von Sales: „Wenn Unser Herr wirklich in uns gegenwärtig ist, schenkt er uns Erleuchtung, denn er ist das Licht. Auch den Jüngern von Emmaus (Lk 24,31) wurden die Augen geöffnet, als sie kommuniziert hatten“ (DASal 12,31).
Franz von Sales möchte daher, dass wir uns immer wieder mit Jesus Christus, seinen Taten und Worten beschäftigen, damit sein Licht durch uns in der Welt weiterleuchtet:
„Wenn du Jesus oft betrachtest,“ meint Franz von Sales, „wird deine Seele von ihm erfüllt, du lernst seine Art und Weise kennen und deine Handlungen nach den seinen formen. Er ist das Licht der Welt“ (DASal 1,71).
So lade ich ein, dass wir die verbleibenden Wochen bis zum Osterfest, dazu nutzen, uns so wie der Blindgeborene von Jesus Christus berühren zu lassen, damit er uns die Augen öffnet und wir erkennen, dass er das Licht der Welt ist. Amen.
P. Herbert Winklehner OSFS


