Predigt zum 2. Sonntag im Jahreskreis (Joh 1,29-34)

Einheit in Christus

Zur Zeit Jesu war es gar nicht so eindeutig, wer der wahre Messias ist. Es gab eine Gruppe, die davon überzeugt war, dass es Johannes der Täufer ist und nicht Jesus, denn sonst hätte sich Jesus nicht in die Wüste begeben und sich von Johannes taufen lassen. Das ist doch eindeutig ein Hinweis darauf, dass sich Jesus unter Johannes stellt.

Aus diesem Grund waren die Evangelisten, die das Leben Jesu nachzeichneten, sehr darauf bedacht, deutlich zu machen, dass der große und geschätzte Profet Johannes nur der Wegbereiter für den wahren Messias Jesus ist. Ein Beispiel dafür haben wir soeben gehört. Johannes der Täufer bezeugt sofort, als er Jesus sieht: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt.“ Die Taufe des Johannes diente dazu, das Volk Gottes von den Sünden reinzuwaschen, hier nun zeigt Johannes auf Jesus, der das wahre Lamm Gottes ist, der die Menschen von ihren Sünden befreit: Er ist jener, der mir voraus ist. Er wird nicht mit Wasser, sondern mit Heiligem Geist taufen. Deshalb bezeuge ich: Er ist der Sohn Gottes.

Dieses Muster finden wir auch bei anderen Stellen der Evangelien: Johannes wird stets als großer Profet dargestellt, der sogar sein Leben opfert und von Herodes enthauptet wird, aber Jesus ist dennoch weit größer als er. „Ich bin es nicht einmal wert, ihm die Sandalen zu öffnen“, lässt das Evangelium Johannes sagen. Und auf die Frage der Johannesjünger, ob er es ist, der kommen soll, oder ob sie auf jemand anderen warten sollen, antwortet Jesus: Nehmt ernst, was ihr seht: Lahme gehen, Blinde sehen, Aussätzige werden rein, all das sind Beweise, dass ich es bin.

Mit dem heutigen Tag beginnt auch die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen, so wie jedes Jahr zwischen dem 18. und 25. Jänner. Diese Woche macht uns darauf aufmerksam, dass die Christenheit alles andere als geeint ist, nicht einmal innerhalb der verschiedenen Konfessionen. Wir selbst erleben diese Uneinigkeit oft genug in der Pfarrgemeinde: da gibt es die Konservativen und die Progressiven, die Gleichgültigen, jene, die nur dann mit der Kirche etwas zu tun haben wollen, wenn sie etwas brauchen, und jene, die mit dem Ganzen gar nichts mehr zu tun haben wollen und die Kirche verlassen. Dass die Einheit, das Miteinander wichtig ist, hat uns schon Jesus Christus in aller Deutlichkeit gesagt: „Vater, sie sollen eins sein, wie wir eins sind,“ betete er zu Gott vor seiner Kreuzigung.

Der Garant dieser Einheit ist nicht der Papst oder irgendwelche Kirchenoberhäupter, sondern Jesus Christus selbst, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt, wie wir heute gehört haben. Jeder und jede soll sich an ihm festhalten und sich an ihm orientieren. In einer Betrachtung über Jesus als das Lamm Gottes betete der heilige Franz von Sales: „O heiliges und göttliches Lamm, wie elend wäre ich ohne Dich!“ (DASal 5,115). Und an einer anderen Stelle schreibt er darüber, was wir durch das Zeugnis des Johannes des Täufers lernen, nämlich drei Dinge: den Glauben an Jesus Christus, die Sakramente, die er uns schenkte, und die Gebote, die er uns nahelegte, vor allem das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe (vgl. DASal 10,284). In diesen drei Dingen ist das Wesentliche unseres Glaubens zusammengefasst.

Vielleicht nehmen wir den heutigen Sonntag wieder einmal zum Anlass, um für die Einheit aller Christinnen und Christen zu beten, gerade in der heutigen Zeit der Unsicherheit und Instabilität. Bitten wir den Heiligen Geist, der in der Taufe auf uns herabgekommen ist, dass er uns helfe, das Miteinander vor das Trennende zu stellen. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS