Predigt zum Requiem P. Anton Zottl (2 Kor 3,17-18. 4,1-2.5-7.16-18; Mt 16,13-20)

Für wen halten die Leute den Menschensohn?

Jesus fragte seine Jünger: Für wen halten die Leute den Menschensohn? Und für wen haltet Ihr mich? Ganz in Anlehnung an diese Frage Jesu könnten wir uns heute am Sarg unseres verstorbenen Mitbruders, Ordensmannes, Priesters, Wissenschaftlers, Professors, Schriftstellers, Gründers, Seelsorgers und Freundes auch die Frage stellen: Für wen hielten die Leute Anton Zottl? Allein die vielen Rollen, die er bekleidete, zeigen uns, dass er ein äußerst begabter, kreativer, engagierter, intelligenter, spontaner, kommunikativer, beziehungsfähiger und vor allem gläubiger Mensch war. Sein Leben in groben Zügen zu umschreiben, das geht nicht, weil seine Schaffenskraft und seine Wirkungsfelder, seine Präsenz unter den Menschen so vielfältig waren. Alleine die Orte, die in seiner Biographie genannt werden, an denen er eine bestimmte Zeit seines Lebens verbracht hat, lassen davon ausgehen, dass er wie ein Apostel unterwegs war, dessen Eifer nie erlahmte, der nicht müde wurde, wenn auch sein äußerer Mensch aufgerieben wurde. Trotzdem er den Schatz seiner vielen Charismen wie wir alle auch nur in zerbrechlichen Gefäßen trug, erlebten wir an ihm, dass das Übermaß der Kraft wohl von Gott und nicht von ihm kam. Man kann es nicht trefflicher als der hl. Paulus ausdrücken: Sein innerer Mensch wurde Tag für Tag erneuert. Wenn ich allein an die unzähligen Kilometer denke, die er mit Auto unterwegs war, so war er wohl ein gehetzter, aber dennoch kein verlassener, sondern er hatte, wo immer er war, viele Freunde und Weggefährten, die mit ihm gingen, weil er auf sie zugegangen ist; die zu ihm hielten, weil er sie bestärkt und begeistert hat und er zu ihnen hielt. Für ihn, den gebürtigen Wiener, wurde Salzburg zum Lebensmittelpunkt, zur Heimat. Selbst als er in Eichstätt und Freising lebte, verging keine Woche, in der er nicht nach Salzburg pendelte, weil er dort seine erste pastorale Liebe verwurzelt sah, die er nie verlassen hatte. Offensichtlich trafen sich in den vorkonziliaren Aufbruchsgefühlen der Kirche der junge dynamische Seelsorger von St. Blasius Anton Zottl und die Jugend -zunächst am Gymnasium, dann auf der Universität. Sein klarer Geist, seine liebenswürdige und auch herausfordernde Art sprach die Menschen an, die eine bevormundende Kirche satt hatten und sich nach Freiheit und Eigenverantwortung sehnten und auf ihr eigenes Gewissen horchen wollten. Tony Zottl begeisterte seine Zuhörer und Weggefährten mit seiner Theologie und Spiritualität, die Gott und Mensch auf Augenhöhe begegnen ließ, die Gott zum Menschen kommen ließ und den Menschen aus seiner Würde heraus aufrichtete, sodass er auf seinen eigenen Beinen stehend die Welt verantwortlich und selbstbewusst gestalten sollte. Als Wissenschaftler und Pastoraltheologe konnte er schließlich dieser seiner Spur, die er in seiner priesterlichen Tätigkeit zu ziehen begann, an den verschiedenen Universitäten als Dozent und Lehrstuhlinhaber Nachhaltigkeit verleihen. Seine zahlreichen Publikationen lassen erkennen, wie sich Theologie, Philosophie und Psychologie ergänzen und letztlich dem Menschen dienen, der, wie Paulus es sagt, nicht auf das Sichtbare starren, sondern nach dem Unsichtbaren, das ewig ist, ausblicken soll. Für wen hielten die Menschen also Anton Zottl? Für den Professor, für den Gründer des Salzburger Studentenwerks, für den Domprediger von Freising, für den Wissenschaftler und Buchautor, für den Ordensmann und Priester, für einen Hirten, der ermutigte und sich Zeit nahm für den einzelnen; für einen Kirchenkritiker, der sich kein Blatt vor den Mund nahm, wenn es darum ging, die Macht der verhärteten kirchlichen Strukturen zu kritisieren um einer Kirche willen, die dem Menschen dienen soll – göttlichen Ursprungs, aber nicht autoritär. Wer also war Anton Zottl für die Menschen?
Ich glaube, jetzt, wo er sein Leben vollendet hat, und – wie wir hoffen – mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn widerspiegelt, zählt viel mehr die zweite Frage in Anlehnung an das Evangelium: Für wen hieltet Ihr ihn – den Anton Zottl, wer war er für Sie, für dich, für mich? Diese Frage kann nur jeder von uns für sich allein beantworten. Für mich war er über all seine großen Umtriebigkeiten hinaus ein Mensch, der die einzelne Person niemals austauschte gegen die Masse: ich bin für dich da, weil du jetzt ein gutes Wort brauchst, weil du jetzt Beistand und Begleitung brauchst, weil ich dir vielleicht etwas von diesem Gott vermitteln kann, der dich ins Dasein hinein lieben will. Ein Gott, der dich aufrichten und groß machen will. Das finde ich in dieser Begegnung Jesu mit seinen Jüngern so unvergleichlich aufbauend – und das fand ich bei Tony Zottl auch. Jesus weidete sich nicht an seiner Stellung, die ihm Petrus bewundern zugestand, sondern er gab all die Wertschätzung, die er empfing, dem Petrus zurück, um zum Wachsen zu bringen, was in ihm schlummerte. Er, der labile, der ängstliche, der kleingläubige, der verräterische Simon – er wird von seinem Herrn und Meister zum Petrus, zum Felsenfundament der Kirche mit sämtlicher Vollmacht ernannt. So ist auch Tony Zottl in meiner Erinnerung: als einer, der das Selbstvertrauen förderte, der ermunterte, Aufgaben zu übernehmen, der Krisen als Chancen sah und in jede Situation eine Brise Humor, ein Lachen hineinlegen konnte. Das war sein unvergleichliches Markenzeichen, das er sich erhalten hatte, bis ihn in den letzten Tagen seines Lebens die Todesmüdigkeit überfiel. Ich hatte noch nie zuvor einen Menschen erlebt, der trotz Fesselung an den Rollstuhl, Lähmungen und schmerzhaften Behandlungen in den verschiedenen Krankenhäusern nie das Lächeln verloren hat – das Lächeln, das er mit großer Dankbarkeit verband. Sanftmut und Freundlichkeit werden unserem Ordenspatron, dem hl. Franz von Sales, als seine wesentlichen Merkmale zugeschrieben. Wer Tony Zottl in seinen letzten Lebensjahren besuchte, erlebte einen sanftmütigen, freundlichen Menschen, bedürftig nach Zärtlichkeit und Nähe. Vielleicht kann man es die Zähmung des Alters nennen, die den so energisch –  manchmal auch störrisch – auftretenden Prof. Zottl, wie wir ihn aus der Vollblüte seines Lebens kennen, zur Milde und zur großen Dankbarkeit hat reifen lassen – zu einem Lachen, das erfüllt war von einer inneren Freude, die kein Schmerz und keine Bedrängnis ihm nehmen konnten.
So möchte ich schließen mit einem Wort unseres Ordenspatrons, des hl. Franz von Sales, das Tony Zottl an den Beginn seines Buches „Menschwerden durch Gottesliebe“ gestellt hat: „Wir lieben ihn (Gott) nicht, damit er unser höchstes Gut sei, sondern weil wir seinetwegen da sind.“ Amen

P. Provinzial Thomas Vanek OSFS (Wien-Kaasgraben, 17.3.2015)

 

Predigt beim Gedenkgottesdienst für P. Anton Zottl, Salzburg

P. Provinzial Thomas OSFS (Salzburg, St. Blasius, 12.3.2015)
Lesung:Phil 3,10-14; Evangelium: Mt 16, 29-34;

Als ich P. Zottl am 17. Februar im Krankenhaus der Diakonie besuchte, war mir klar, dass ich ihn das letzte Mal sehen würde. Er hatte keine Kraft mehr. Sein normalerweise immer freundlicher und lächelnder Blick war ernst geworden, nachdenklich, besinnlich und in sich gekehrt, als war er dabei, die Ernte seines Lebens einzuholen. Und wir alle wissen, diese Ernte ist groß. Die letzten Berührungen, der letzte Händedruck, meine letzten Worte des Dankes und sein stummer Segen, um den ich ihn bat … so ist dieser Abschied von ihm in mir bis heute ganz gegenwärtig. Als ich die Tür zu seinem Krankenzimmer schloss, schloss sich für mich auch ein wesentliches Kapitel meiner Ausbildungszeit, in der ich die Theologie für mich und die Prüfungen nicht nur lernte, sondern zu erschließen begann. Für diesen existentiellen Zugang zur Theologie war Tony Zottl für mich der wichtigste Lehrer und Meister. Und ich denke, solche Erfahrungen mit ihm als Mentor, Lehrer, Seelsorger und Begleiter hat wohl jede und jeder von uns hier. (Und für mich war er zudem auch noch ein Mitbruder.)
Denn all das war er in einer unverwechselbaren Originalität. Sein Tatendrang, sein Eifer, sein Interesse an den Menschen, seine Wissbegierde, seine phänomenale Eloquenz, seine Predigten, sein anspruchsvoller Schreibstil, seine Art, selbst in der flüchtigen Begegnung immer ein persönliches Wort der Zuwendung und der Wertschätzung zu spenden, seine Entschiedenheit in seinen Vorhaben und seine Klarheit in seinen Vorstellungen… und seine Ganzheit und Authentizität im persönlichen Gespräch … all das zeugte von einem Menschen, der erfüllt war von seiner Berufung und Sendung als Priester und Seelsorger, erfüllt von der Sehnsucht, auf den Acker dieser Welt den Samen eines Gottes zu säen, der begeistert ist vom Menschen – eines Gottes, der nicht lassen kann vom Menschen, solange der Mensch nicht den ganzen Sinn seines Lebens entdeckt hat und damit seinem Ursprung und Ziel gerecht geworden ist. In der Spiritualität des hl. Franz von Sales, die ihn in seiner Jugend in den ersten Begegnungen mit den Sales-Oblaten in seiner (und auch meiner) Heimatpfarre Krim in Wien-Döbling wohl beeindruckt und getroffen hat, fand seine Liebe zu Gott und den Menschen die besten Wachstumsbedingungen. Denn was seine Theologie und Spiritualität (für mich) auszeichnete, war, dass sie trotz hoher Ansprüche geerdet, inkarniert und leidenschaftlich war. Das hat uns alle an ihm wohl so beeindruckt und hat ihn uns nicht nur bewundernswert, sondern auch so liebenswert gemacht. Drei Jahre lebte ich mit ihm, dem irgendwie herausragenden Mitbruder, in der Kommunität unseres Studienhauses in Eichstätt zusammen. Sein Zimmer eine einzige Bibliothek, das Lichte brannte bis tief in die Nacht hinein, er las und schrieb und bereitete sich seine Vorlesungen vor. Bei der Vorlesung auf der Uni ein vitaler und humoriger Professor, der Leichtigkeit selbst in die seitenlangen Sätze eines Karl Rahners brachte und die Theologie des „Gottes in Welt“ faszinierend und ergreifend auslegte, sodass ich diese Vorlesung, die ich damals bei ihm besuchte, bis heute als eine Sternstunde meiner Studienzeit betrachte, aus der sich viele Brücken zu den anderen Disziplinen der Theologie eröffneten. Irgendwie sehe ich ihn wie einen wissenschaftlichen Mystagogen, der wie Franz von Sales es einmal sagte, die Wissenschaft zum 8. Sakrament werden ließ.
Sein Temperament, sein Art des Vortrages, seine sprachliche Kreativität veranlasste einmal den ehemaligen Bischof von Eichstätt dazu, ihn als theologisches Rennpferd zu bezeichnen, während er – der Bischof – sich im einfachen Ackergaul wiederfand. „Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre“, schreibt Paulus an die Philipper. „Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus ergriffen worden bin. … Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung, die Gott uns in Christus Jesus schenkt.“ Das denke ich, beschreibt unseren P. Zottl wunderbar. Er war ein Ergriffener, ein von Christus Ergriffener, der dieses Ziel vor Augen hatte: den Siegespreis der himmlischen Berufung, das Ziel der Gottergriffenheit, aber nicht für sich selbst, sondern vor allem für die ihm anvertrauten Menschen, ob in der Schülerseelsorge ,in der Studentenseelsorge, in der wissenschaftlichen Tätigkeit, in der Liturgie oder im ganz praktischen Verhandeln bei der Errichtung seiner Studentenheime. Er war ein Ergriffener – ein vom menschgewordenen Christus ergriffener. Von ihm muss er gelernt haben, was es heißt, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen, das Kreuz auf sich zu nehmen, das eigene Leben nicht zuerst retten zu wollen, sondern es hinzugeben, um es letztlich von Gott wieder geschenkt zu bekommen. Mich beeindruckte das an ihm vor allem in den letzten Jahren, in denen er bereits viel zu ertragen hatte, gezeichnet von den beiden Schlaganfällen und den damit verbundenen Leiden. Es war verblüffend. Ein von Krankheit in den Rollstuhl gezwungener Mensch, der lachen konnte und sich von Herzen freuen konnte über eine Begegnung, war mir auf diese Art und Weise noch nie begegnet. Und wenn ich ansetzte, ihn als meinen Lehrer zu würdigen und ihm zu danken, dann zeigte er immer wieder auf mich – also weg von sich hin auf mich. Und damit demonstrierte er: der Schüler macht den Lehrer. Der Lehrer freut sich nicht an dem, was er alles kann und weiß, sondern an dem, was die Schüler gelernt haben und geworden sind. Das war echte Freude in ihm, wenn er sah, dass aus seinen Schülern was geworden ist. Es war offensichtlich sein größter Lohn, wenn er Menschen dazu verhelfen konnte, ihr Selbst immer mehr zu entdecken und sie hin zur Transzendenz zu öffnen, zu dem was über die Endlichkeit des Seins hinausgeht. Franz von Sales sagt es einmal: Sei, was du bist – und sei es ganz! Wer Gott liebt, wird ganz! In seinen salesianischen Meditationen, in denen er die Leidenschaft der Liebe zu Gott skizziert, schreibt Anton Zottl: „Die eigene Endlichkeit nicht bejammern, sondern über sie lächeln können, ist bereits die Unendlichkeit dieser Endlichkeit. Gerade dann, wenn der Mensch sich selbst und alle Kümmerlichkeit in diesem „Lächeln“ aushält.“ Ich glaube, das war der tiefe Grund seines Lächelns, das er uns schenkte, wenn wir ihm begegneten – und darüber hinaus wohl auch sein Lebensgrund, in dem verwurzelt er sich verlieren konnte um uns für Gott zu gewinnen. „Der Menschensohn wird mit seinen Engeln in der Hoheit des Vaters kommen und jedem Menschen vergelten, wie es seine Taten verdienen.“ So haben wir gehört. Und wir glauben fest daran, dass Tony Zottl jetzt in der Begegnung mit dem Menschensohn erntet, was er an Menschwerdung gesät hat. Amen.