Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt (Lk 24,46-53)

Gottes Gegenwart um und in uns

Wenn wir unsere Welt betrachten und sehen, was da so alles passiert, dann können wir durchaus zum Ergebnis kommen: Gott hat uns verlassen, oder: Wo ist Gott in allem, gibt es ihn überhaupt?

Genauso aber können wir zum genau gegenteiligen Ergebnis kommen: Gott ist da. Ich entdecke seine Spuren überall, im kleinsten Staubkorn ebenso wie in der unendlichen Weite des Universums.

Es gibt Menschen, und deren Zahl wird immer größere, für die ist die Welt, in der wir leben, aufgrund der Katastrophen, Kriege und Verwüstungen, ein klarer Beweis dafür, dass es keinen Gott gibt.

Ebenso gibt es Menschen, die in der gleichen Welt, in ihrer Entstehung und Entwicklung, ihren Wundern und Kämpfen klare Beweise erkennen, dass Gott es einen Gott geben muss.

In diesem Spannungsfeld lebten auch schon die Jüngerinnen und Jünger Jesu. Auf der einen Seite erleben sie, wie Jesus in den Himmel verschwindet, auf der anderen Seite wird ihnen gesagt: „Was steht ihr da und schaut in den Himmel, dieser Jesus wird wiederkommen.“ Sie erleben, wie sie von Jesus verlassen werden, sie kehren aber „in großer Freude nach Jerusalem zurück“, um Gott zu preisen.

Wenn wir heute das Fest Christi Himmelfahrt feiern, dann sind auch wir heute mitten in dieses Spannungsfeld hineingestellt: die Welt, von Gott verlassen auf der einen Seite … und die Welt, erfüllt und voll von Gottes Gegenwart auf der anderen. Und eine jede und ein jeder von uns ist dazu herausgefordert, seine oder ihre Antwort in diesem Spannungsfeld zwischen Atheismus und Glauben zu geben.

Der heilige Franz von Sales steht klar auf der Seite all jener, die von der immerwährenden Gegenwart Gottes in der Welt überzeugt sind. „Mache dir zu jeder Zeit bewusst, dass du in der Gegenwart Gottes lebst“ … lautet eine seiner wichtigsten Empfehlungen an die Menschen, die er begleitete. Das war ihm so wichtig, dass wir heute diese Empfehlung als die besondere Eigenschaft der salesianischen Spiritualität überhaupt betrachten. Salesianisch leben, also im Sinne des heiligen Franz von Sales leben heißt, leben in der Gegenwart des liebenden Gottes bei allem, was ich tue. Gott ist nicht irgendwo hin verschwunden, er lebt nicht irgendwo da oben hinter Wolke fünf oder sieben, nein, Gott ist da, wie die Luft, die wir atmen, wie die Sonne, die uns Leben, Licht und Energie schenkt. Gott lebt nicht nur um uns, sondern vor allem in uns, in unseren Herzen, wie das Blut, das unsere Adern durchströmt und uns mit Sauerstoff versorgt. Wäre dem nicht so, würden wir ganz einfach nicht existieren können.

Unsere Aufgabe als Christinnen und Christen besteht daher darin, diese Gegenwart Gottes in uns, um uns und in unserer Welt für alle erfahrbar und spürbar werden zu lassen. Und am besten funktioniert das durch die Liebe. Überall dort, wo Liebe spürbar ist, so die Überzeugung des heiligen Franz von Sales, überall dort wird Gott für uns und für alle Menschen hautnah spürbar. Wenn du Liebe spürst, in welcher Form auch immer, spürst du Gott, weil Gott Liebe ist.

Deshalb lautet der letzte Auftrag Jesu an seine Jünger vor seiner Himmelfahrt auch: „Geht hinaus in alle Welt und verkündet das Evangelium.“ Das heißt: Macht allen spürbar, dass ich der Gott der Liebe bin. Oder mit den Worten Jesu: „Liebt einander so, wie ich euch geliebt habe. Daran werden die Menschen erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebt.“

Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS