Predigt beim Requiem für Br. Josef Kampmüller (Röm 8, 18-25; Lk 13, 6-9)

Sei willkommen, mein Bruder Tod!

„Sei willkommen, mein Bruder Tod!“ – dieses Wort soll der hl. Franziskus kurz vor seinem Sterben gesagt haben. So berichtet Thomas von Celano in seiner zweiten Franziskus-Biographie.  „Bruder“ hat Franziskus den gefürchteten und abscheulichen Tod genannt. Und er hat ihn –  den Bruder Tod – eingeladen, Gott, unseren Herrn, zu lobpreisen. Der Gedenktag des hl. Franziskus war der Todestag von Br. Josef. Und als Br. Josef bei der Arbeit im Obstgarten zusammenbrach, war er dort, wo er sich die meiste Zeit seines Lebens aufgehalten hat – in der Natur, im Freien, bei den Bäumen, Pflanzen und Tieren, bei den Früchten, auf dem kalten Erdboden. Das erinnert mich an das, was man über den hl. Franziskus geschrieben hat. Er wollte nach seinem Tod nackt auf dem Erdboden gelegt werden und da eine gewisse Zeit liegen – als Zeichen der Armut und Demut – und das bedeutet, als Mensch, der vom Ackerboden genommen wurde und zum Ackerboden wieder zurückkehrt, wie es die Schöpfungsgeschichte in der Bibel erzählt. Br. Josef hat seinen Tod zwar nicht so bewusst vorbereitet wie der hl. Franziskus, ganz im Gegenteil, der Bruder Tod kam plötzlich, aber dennoch nicht unerwartet oder besser gesagt nicht unvorbereitet. Br. Josef wusste um seine Herzschwäche. Mehrere Krankenhausaufenthalte aufgrund von  Herzrhythmusstörungen und kurzen „Bewusstlosigkeiten“, regelmäßige Arztbesuche, verschiedene Untersuchungen und Medikationen holten ihn immer wieder ins Bewusstsein, dass es auch einmal schnell gehen kann. Man hatte aber den Eindruck, dass er sich darum nicht besonders sorgte, oder dass er Angst davor hatte. Ganz im Gegenteil – ich hatte eher den Eindruck, dass sein Leben dadurch intensiver, bewusster und auch ausgeglichener, gelassener wurde. An seinem Sterbetag hatte ich die Gelegenheit, relativ viel Zeit mit Br. Josef zu verbringen, was eher eine Ausnahme war, denn sein Leben war von der Früh bis in den Abend hinein geprägt von den täglich anfallenden Arbeiten in der Gärtnerei, in der Kapelle und Sakristei, im Schulpark und regelmäßig anfallenden Hausarbeiten rund um Dachsberg. Abends ging es dann an die Orgel, denn ein Musiker weiß, dass es ohne Üben an seinem Instrument nicht geht. An diesem seinem Tag, seinem letzten Tag in diesem irdischen Leben, erlebte ich einen humorvollen und aufgeräumten Br. Josef. Er trug keinen Groll mit sich oder irgendeinen länger anhaltenden Kummer. Er freute sich auf die Arbeit, das Handwerk, er war aufgeschlossen und zufrieden. Nicht immer hatte Br. Josef diese Zufriedenheit in sich. Er war ein Suchender und auch kritischer Mensch. Vielleicht war es deshalb das Ordensleben, das er sich wählte als seine Lebensform. Denn Ordensleben ist kein Lebensstil für satte und bequeme Menschen, Ordensleben ist kein Leben, in dem man an seiner Karriere bastelt und schaut, dass man sich irgendwann einmal zurücklehnen kann und nur mehr das Leben in seinen Annehmlichkeiten genießen kann. Für Br. Josef war das Ordensleben ein Rahmen, in dem er seine Talente entfalten wollte und sie auch zum Wohl unserer Gemeinschaft und darüber hinaus entfalten konnte. Aber selbst dieser Rahmen war ihm nicht immer groß genug, schon nach ein paar Jahren seines Lebens in unserer Ordensgemeinschaft passte ihm als interessierten und weltoffenen Menschen dieser Rahmen nicht mehr. Er unterbrach sein Ordensleben, wie über 20 Jahre später dann noch einmal, weil er noch etwas suchte, das er in dem gewählten Lebensstil offensichtlich noch nicht gefunden hatte. Es waren Krisenzeiten, die ihn durchschüttelten, aufbrechen ließen und auf die Suche gehen ließen, die ihn sicher auch manchmal hatten einsam werden lassen. Mir ist zu dieser krisenhaften Suche von Br. Josef nach den erwarteten Früchten in seinem Leben dieses Gleichnis vom Feigenbaum im Weinberg eingefallen, der für seinen Besitzer zu wenig oder gar keine Früchte trug. Drei Jahre kam er und suchte nach Früchten und fand keine. Da entschloss er sich, den Baum umzuhauen. Der Baum aber fand einen Fürsprecher, der bereit war, noch einmal den Boden umzugraben und zu düngen und nicht aufzugeben, ob der Baum nicht doch noch Früchte trägt. Ich glaube, Br. Josef lernte an seinem eigenen Leben, an seinen eigenen Krisen, nicht aufzugeben, nicht die Dinge hinzuwerfen, wenn sie nicht gleich gelangen. Er lernte, mit Geduld und vor allem mit viel Liebe – wie der Weingärtner, der den Feigenbaum selbst nach drei Jahren noch nicht abschrieb – das Leben realistisch und mit seinen vielen Schönheiten, vor allem in der Natur, in der Musik und im Handwerk zu entdecken. So wurde aus den großen Lebensträumen ein mehr und mehr geerdetes Ja zum Alltag und zu dem, was er sich nicht freiwillig gesucht oder gewünscht hatte. Und wenn ich ihn öfter in seiner Gärtnerei besuchte, dann wurde mir klar: er war der Weingärtner in diesem Gleichnis Jesu. Er suchte das Leben zu erhalten, zum Blühen zu bringen. Er wusste, welche Erde zu welcher Pflanze gehörte, er erklärte mir, wie man mit den Schädlingen im Garten umgehen muss. Er beobachtete die Natur mit viel Weisheit und griff zur rechten Zeit geschickt ein, um dem Wachstum alle Möglichkeiten zu eröffnen. Das war für mich jedes Mal ein Erlebnis, wenn er mich an seiner großen Erfahrung hat teilnehmen lassen – und an seiner Freude über alles, was er zum Leben brachte. „Wir wissen, dass die gesamte Schöpfung bis zum heutigen Tag seufzt und in Geburtswehen liegt,“ schreibt der hl. Paulus. Der seufzenden Schöpfung hat Br. Josef in vielen Belangen, auf vielerlei Art zur Geburt verholfen. Ich glaube, das hat vor allem die Menschen, die Br. Josef näher kannten, an ihm fasziniert und das war es auch, was ihn selbst so faszinierte, so dass er eigentlich bis zu seinem Tod energie- und kraftvoll wirkte, den schleichenden Krankheiten fast trotzend erschien. Ich bin dankbar für die Zeit hier in Dachsberg, in der ich Br. Josef besser kennenlernen durfte, ihn als Mitbruder und als Dachsberger Urgestein erlebte,  als einen Menschen ganz eng verbunden mit der Natur, die ihn auch zur Kunst geführt hatte. Nun hat der Bruder Tod ihn heimgeholt. Der 4. Oktober war seiner Seele höchster Feiertag, denn an diesem Tag ist seine Suche zu Ende gegangen. Denn an diesem Tag hat er – wie Franz von Sales es für Br. Josef so wunderbar ausdrückt – den (Gott) gefunden, der ihn am meisten liebt, und den er sein irdisches Leben in der Nachfolge Jesu geschenkt hat.
Amen.

P. Thomas Vanek OSFS (Dachsberg, 11.10.2011)