Predigt beim Requiem P. Franz Wehrl (Mal 3, 1-4.23-24; Lk 1, 57-66)

Kein Mann der leeren Worte

Franz und ich haben im letzten Jahr viel Zeit miteinander verbracht, und ich bedanke mich, dass ich hier noch ein paar Gedanken mitteilen darf. Dabei ist mir wichtig, dass ich ihm und seinem Leben irgendwie gerecht werde. Er war nicht der Mann der leeren Worte, der raschen oder auch frommen Antworten. Seine Sätze waren durchdacht, kritisch und irgendwie herausgehoben aus dem Sumpf der Emotionen. Er redete nicht gerne über sich, sondern wollte Wissen mitteilen, lehren, ein Stück Wahrheit erfassen und sich darüber austauschen. Deshalb will ich nicht trösten, sondern dass wir – vielleicht ein letztes mal – von ihm, von seinem Leben und Sterben lernen.

In der Lesung hat es geheißen: Wer erträgt den Tag, an dem Gott kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint?

Es ist erschütternd, wenn Krankheit und der Tod einem Menschen entgegentreten, wenn sie brutal in ein Leben hereinbrechen; wenn Krankheit und Tod ein bestehendes Feld von äußerer Harmonie, Freundschaft, Leidenschaft und Alltag zerstören; wenn eine schwere Krankheit ein Leben des Lehrens, Forschens, und des Gewohnten erschüttert; und gar der Festigkeit unseres Daseins, auch unseres Glaubens, der tragende Boden entzogen wird.

Es war für ihn und für uns alle erschütternd mit anzusehen, wie die Vorboten des Todes, in der Gestalt der Krankheit, begonnen haben, ihm bereits vieles aus der Hand zu nehmen.
Gegen die Krankheiten vermögen wir zwar in der heutigen Zeit viel. Er versuchte alles, um den Krebs und damit den Tod zu besiegen, zumindest hinauszuschieben. 1 Jahr dauerte dieser Kampf, geprägt von Verzweiflung und Hoffnung, von Resignation und kleinen Ankern der Besserung.

Immer wieder habe ich gemeint, dass er langsam verstehen wird, und die Krankheit und damit auch den Tod annehmen und akzeptieren wird. Es wurde allerdings ein langes Warten und Advent.
Ab und zu stand ich in seinem Zimmer oder saß ganz sprachlos an seinem Bett, und die Angst kam in mir hoch, dass es mir auch einmal so ergehen wird; dass ich nur schwer loslassen kann, und mich verzweifelt an jeden Strohhalm klammern werde.

Erst vor ein paar Wochen klagte er in der Früh immer wieder über Rückenschmerzen, und dass er sich schwer tue aufzustehen, und er fragte, ob ich wohl ähnliche Probleme in der Früh hätte. Ich sagte ihm, dass ich mir beim Aufstehen jeden Tag auch schwer tue, aber aus anderen Gründen, und er soll doch bitte bedenken, dass er um ein paar Jahre älter sei als ich, und noch dazu schwer krank. – Er wollte das nicht hören.

Warum ist es so verdammt schwer, Krankheit und Tod zu akzeptieren? Warum tun wir uns so schwer loszulassen? Oder anders gefragt: Was würde uns helfen, Krankheit und Tod in unserem Leben zu integrieren und als das Selbstverständlichste anzunehmen? Wir sind doch alle mehr wert als all unsere Bücher und Habseligkeiten, als unser Äußeres und die paar Jahre hier auf Erden?

Wer eine rasche Antwort gibt, und sei sie noch so fromm, der macht es sich einfach, anderen aber oft schwer.

Ich erinnere mich, nach einer Frühmesse, an der er teilnahm, kam er auf die Fürbitten zu sprechen, und er fragte mich, was ich von dieser Bitte für die Verstorbenen denn halte, ob ich daran glaube, dass wir mit unseren Gebeten für die Kranken und die Verstorbenen etwas tun könnten.

Eine Antwort zu finden, die über das hinausging, was er für sich bereits wusste, war nie leicht zu geben. Entweder, meine Erklärungen waren ihm zu oberflächlich, dann tat er sie mit einer Handbewegung ab und redete nicht mehr darüber. Oder sie gab ihm Anlass mir einen längeren Vortrag zu halten und mir von seinem reichen Wissen mitzuteilen.
Aber an diesem Morgen überraschte ich ihn, weil ich nur ein einziges Wort sagte, das ihn traf: „vielleicht“. Wir wissen es nicht, aber „vielleicht“. Wir wissen nicht, was kommen wird, und ob überhaupt etwas kommt, aber „vielleicht doch“. Wir wissen nicht, was nach dem Tode sein wird, aber „vielleicht wird es wirklich erfülltes Leben“ geben.

Mir wurde an diesem Morgen ganz klar, dass ein fast 80 jähriger Priester und salesianischer Gelehrter genau so wie wahrscheinlich die meisten von ihnen, und die meisten der hier anwesenden Priester, mit dem „vielleicht“ besser umgehen können, es unsere Glaubenssituation besser beschreibt, als jede fromme Rede vom Himmel und von der ewigen Freude bei Gott. Und dieses „vielleicht“, diese kleine Unsicherheit, macht es schwer zu gehen.

Ein zweites möchte ich gerne erwähnen: er war sich selbst und seinem Leben treu. Nach fast dreißig Jahren in Tauberfeld ist er vor einem Jahr zu uns ins Salesianum zurückgekehrt. Er war immer Oblate des Hl. Franz von Sales, verliebt in das Leben und die Schriften des Hl. Franz von Sales und interessiert am Ordensleben. Seine Bücher und Artikel, die er über die Ordensgeschichte und über Franz von Sales geschrieben hat, sind Zeugen dafür. Er lebte nur nicht bei uns und mit uns. Aber das macht auch nichts, jeder wie er meint, dass es für ihn passt. Aber gegen Ende seines Lebens ist er zu uns zurückgekehrt, und ich glaube sagen zu dürfen, dass dieses Haus für ihn zur Heimat wurde. Dafür danke ich den Mitbrüdern und den Angestellten, weil wohl wir alle viel dazu beigetragen haben.
Ich sagte, er war sich selbst und seiner Berufung treu. Er war eigentlich ein stiller, arbeitender Mensch, der konsequent durch dieses Leben ging. Er hatte ein großes Vertrauen in sich selbst, das man nur schwer erschüttern konnte. Er wollte auch gerne immer recht haben und Korrekturen waren ihm nicht unbedingt willkommen. Er war Lehrer, ein Gebender, ein Belehrender, der sich das Wissen von seinen eigenen Reflexionen und dem geschriebenen Wort auslieh.

Ein paar mal meinte ich allerdings sein Inneres zu erahnen, den sensiblen, den ganz empfindsamen Menschen. Dieser empfindsame Mensch hat sich für mich z. B. in seinen Freunden gespiegelt, die ich während dieses Jahres kennenlernen durfte: Liebenswürdige, treue, intelligente, ehrliche und ganz behutsame Menschen.

Liebend gerne hätte ich ihn mit ein paar Fragen konfrontiert, gerade als es immer mühsamer für ihn wurde, zu arbeiten:
Kannst du einmal denken, du selber, deine Person, ist liebenswerter und wertvoller als deine vorweisbaren Taten, all deine Bücher, Vorträge und all dein Wissen?
Kannst du dir einfach mal gestatten, an etwas anderes zu denken als daran, was du tun musst und was du noch machen willst?
Kannst du nicht einfach mal loslassen?
Geschöpfe sind wir dieser Welt, verletzlich und sterblich.

Er konnte es wohl für sich, denn er hatte einen Sinn für das Schöne und Wahre. Es gab diese Botschaft für ihn, dass alles, was uns umgibt, weil es geschaffen ist, eine Schönheit atmet, die nie vergeht. Er hat dies zum Teil in Bildern festgehalten. Er liebte die Musik. Ein empfindsamer Mensch, der sich am Schönen erfreut hat, Stimmungen ganz klar aufgenommen hat und an ungelösten Konflikten sehr gelitten hat.
Wir haben uns beide in den letzten Wochen an eine Begebenheit erinnert, die schon einige Monate zurücklag, und – ob seines Zuckers – begonnen werden musste, Insulin zu spritzen. Da er sich selbst davor scheute, hat ein Mitbruder an einer weichen Semmel geübt, um ein Gefühl für das Spritzen zu bekommen. Als es dann soweit war, hat er doch etwas zu kräftig zugestochen. P. Wehrl sagte mir später, erleichtert und lachend, dass der besagte Mitbruder wohl seinen ganzen Frust und Ärger, den es zwischen ihnen gab, mit diesem Stich endlich loswerden wollte. Recht hatte er. Für beide war es eine Befreiung.
Wehrl, der Ästhet, der Gefühlvolle und Mitfühlende, und der Leidende.

Am Ende seines Lebens saßen wir zu zweit an seinem Bett im Krankenhaus in Neuburg. Kurz bevor er starb kam noch eine dritte Person dazu. Nun waren wir irgendwie vereint, all jene, die im letzen Jahr die meiste Zeit mit ihm verbracht haben.
Wir haben ihn gerne gehabt und dieser endgültige Abschied ist uns sehr schwer gefallen. Auch wenn er zur rechten Zeit kam, ist Abschied nehmen schwer. Aber wir sollten es alle unbedingt lernen, weil es wird uns alle treffen.

Bald werden wir ihn zu unserem Friedhof hinaufbringen, wo am Eingang so sinnvoll steht: „Hier leben in Frieden“.
Du, Franz, weißt inzwischen die Antwort auf die Frage, die wir uns einmal stellten, wie es wohl weitergeht nach dem Tod. „Vielleicht“ hast du bereits erfahren, was uns heute im Evangelium bei der Namensgebung des Johannes gesagt wurde., dessen Name bedeutet: „Gott ist gnädig“, oder genauer: „Gott hat sich als gnädig erwiesen“.Bei dir gibt es inzwischen eine Gewissheit, ich bleibe bei meinem „vielleicht“,. Aber dieses „vielleicht“ genügt mir und uns allen für heute, dich mit unseren Gebeten und Gesängen zu begleiten. Amen.

P. Josef Költringer OSFS (Eichstätt, 23.12.2010)

Predigt beim Requiem P. Herbert Krämer (Mt 11,2-6; Jes 61, 1-3)

Begeistert vom Reich Gottes

„Und wenn ich mich im Dienst für Gott und die Menschen verzehrt haben werde, dann lege ich den Schlüssel vor die Tür und schleiche mich still davon.“ Dieses Wort stammt vom hl. Vinzenz von Paul, einem Zeitgenossen des hl. Franz von Sales. „Und wenn ich mich im Dienst für Gott und die Menschen verzehrt haben werde, dann lege ich den Schlüssel vor die Tür und schleiche mich still davon.“ Mir ist dieses Zitat zum Heimgang von P. Herbert Krämer eingefallen, weil ich gerade im letzten Jahr in meinen Gesprächen mit ihm als Provinzial den Eindruck hatte, dass er (zumindest) mir gegenüber nicht gerne von sich selbst sprach, von seiner persönlichen Befindlichkeit – gerade in der Zeit seiner Krebserkrankung, die bereits im Frühjahr des letzten Jahres sein Leben vehement bedrohte. Mir schien, es war ihm peinlich, krank zu sein, sich also seine Schwäche und Hilfsbedürftigkeit einzugestehen. Das ging sogar soweit, dass er sich bei mir beklagte, dass ich in unserer Ordenszeitung kurz über seine Krankheit berichtete – und bei meinem letzten Gespräch betonte er nochmals: ich will nicht, dass du irgendetwas von meiner Krankheit den Mitbrüdern erzählst. Dabei stand sein baldiges Lebensende bereits spürbar im Raum – nur war es noch nicht so weit, dass wir offen darüber reden konnten. Gott sei Dank hatte er in Sr. Maria Goretti, der Oberin der Elisabethinen in Neuburg, eine Vertraute, der er sich mehr öffnen konnte als mir und den Mitbrüdern – und daher wusste ich auch über den Ernst der Krankheit von P. Herbert Bescheid und ich konnte das da und dort im Kreis der Mitbrüder auch anklingen lassen. Denn ich dachte, die Mitbrüder haben auch das Recht, etwas vom schweren Kranksein ihres Mitbruders zu erfahren.
Ich persönlich habe mir immer wieder die Frage gestellt, warum es für P. Krämer so schwer war, über sich und seine Krankheit und die damit verbundenen Ängste und Nöte zu sprechen. Ich glaube, es ein wenig verstehen zu können, denn es gibt Menschen, denen ist es unangenehm, Hilfe in Anspruch zu nehmen, es ist unangenehm, vor jemanden anderen zu jammern, zu sagen, mir geht es schlecht, vielleicht sogar so schlecht, dass ich ohne fremde Hilfe nicht mehr zurecht komme. Ich glaube, es liegt das im Selbstverständnis jedes einzelnen, denn es gibt ja auch viele Menschen, bei denen ist es genau umgekehrt. Die brauchen ständig jemanden, dem sie ihr Leid klagen können. Wer sich selbst aber sehr stark vom Tun und vom Geben – vom Dasein für die anderen her definiert, der wird sich schwer tun, fremde Hilfe anzunehmen.
P. Herbert war Priester und Ordensmann. Und als Priester hilft man den Menschen, und beklagt sich nicht bei ihnen – denn schnell denkt man über den Priester ein wenig zynisch wie die Hohenpriester und Ältesten über Jesus am Kreuz gesprochen haben: Anderen hat er geholfen, sich selbst kann er nicht helfen! Der Priester darf nicht schwach sein, er soll immer zur Stelle sein, wenn er gebraucht wird. Er soll aus dem festen Glauben leben, der unerschütterlich und unbeugsam ist und soll dafür Zeuge sein. Ich glaube, P. Herbert war so ein Priester. Er erzählte gerne von seinen priesterlichen Highlights, von dem, was ihm gelungen ist, wie sehr er sich einsetzte als Seelsorger, wie viele Religionsstunden er gehalten hat, wie viele Predigten, wie viele Gottesdienste. Er erzählte von seiner wunderbaren Zeit in Hassfurt als Kaplan (Ritterkapelle) Kinderseelsorger und Religionslehrer, und auch in Neuburg als Seelsorger für die Schwestern und für die Geriatrie im Krankenhaus wollte er – wie ich den Eindruck hatte – wie Franz von Sales allen alles werden. Erst als er einfach nicht mehr konnte, musste er andere um Hilfe bitten. Ich glaube, P. Herbert war begeistert vom Reich Gottes und sah seine Sendung darin, ihm zum Durchbruch zu verhelfen, damit das erfahrbar wird, was Jesus Johannes dem Täufer durch dessen Jünger hat ausrichten lassen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Wo das für mich persönlich im Leben von P. Krämer am meisten zum Ausdruck kam, war sein großes Engagement für die Asylbewerber in Neuburg. Schon bald, nachdem er in Neuburg als Seelsorger begonnen hatte, hat er in diesen Menschen die Notleidenden unserer Zeit entdeckt, die Fremden, die nach Heimat und nach Anerkennung dürsten, die Aussätzigen, die niemand mag. Und wie ich erfahren habe und er selbst auch erzählte, hat er viel Zeit und Kraft für diese von uns oft abgeschobenen Menschen investiert. Voll Stolz erwähnte er einmal mir gegenüber, dass selbst der Bischof von Augsburg ihn dafür lobte und Anerkennung aussprach. Es fiel ihm schließlich nicht leicht, die Begleitung und Betreuung dieser Menschen aufzugeben, als ihm seine Krankheit immer mehr zusetzte.
So hat P. Herbert nun sein Leben vollendet und wir glauben und beten, dass er die ewige Heimat bei Gott gefunden hat, dem er sein Leben als „spätberufener“ Priester und als Oblate des hl. Franz von Sales geschenkt hat. Gott möge ihm jetzt schenken, was er für sich (vielleicht) zu wenig in Anspruch genommen hat: den Trost und die Geborgenheit und das Verstandenwerden. Huub Oosterhuis fragt in einem bekannten Lied: Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen.
Für P. Herbert haben diese Fragen jetzt eine Antwort gefunden. Nun ist ihm Gott ganz entgegen gekommen, nun darf ER erfahren, was es heißt: Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet.
Danken möchte ich zum Schluss den Schwestern Elisabethinen von Neuburg für die liebevolle Begleitung und Sorge von P. Herbert Krämer und den Mitbrüdern, die ihm in den Tagen seines Leidens besucht und getröstet haben. Amen.

P. Provinzial Thomas Vanek OSFS (Eichstätt, 24.9.2010)

Predigt beim Requiem von P. Edmund Kwiasowski (Kol 1, 12-20; Mk 8, 22-26)

Hart im Nehmen

Als P. Edmund in der ersten Stunde des 13. Septembers seine Augen für immer schloss, waren diese schon einige Jahre aufgrund seiner Diabeteserkrankung völlig erblindet. Die wenigen Male, die ich ihm im Haus seiner Schwester Frau Gertrud Scholz in Witten besuchte, erlebte ich P. Edmund im Rollstuhl beim Tisch sitzend zufrieden, freundlich und so, als ob seine erblindeten Augen ihm eigentlich nicht (mehr) störten. Freilich bemühte sich seine Schwester und seine Verwandten, die nebenan wohnten, um alles, was er brauchte, und ich bekam schon mit, dass es für sie nicht einfach war, mehr oder weniger rund um die Uhr für ihn und seine Wünsche da zu sein. Ich glaube, P. Edmund wollte es sich nicht anmerken lassen, dass ihn der Verlust seines Augenlichts doch stark behinderte und einschränkte. Hart im Nehmen war ja ein wesentlicher Zug seines Charakters – sicherlich stark geprägt durch die schrecklichen Erfahrungen, die er während des zweiten Weltkrieges als Soldat machen musste, und am Ende des Krieges dann auch noch durch den Verlust seiner Eltern und einer Schwester, die bei der Bombardierung des Elternhauses auf schreckliche Weise ums Leben gekommen waren. Als ich bei P. Edmund einige Jahre zuvor einmal in Haßfurt im Salesianum auf Besuch war, da war sein Augenlicht schon ziemlich schwach. Er konnte zwar noch selbständig durchs Zimmer gehen, aber genaueres sah er nicht mehr. „Ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht.“ Hat es im Evangelium geheißen. So kann ich mir etwa vorstellen, wie es P. Edmund damals mit seinem Sehvermögen gegangen ist. Dennoch hinterließ er damals in mir den Eindruck eines Menschen, um den sich unheimlich viel wie um eine Mitte oder um ein Zentrum bewegte. Nicht nur, dass seine Schwester damals schon immer in seiner Nähe war, mit dem Telefon in der Hand managte er die Geschicke des Salesianums, in dem er als einziger Oblate noch lebte, und er lenkte alles Mögliche von seinem Zimmer aus, das mir wie eine Zentrale vorkam. Das war mein Bild von P. Edmund, das sich in mir eingeprägt hat. Einer, der gerne die Zügel in der Hand hält, gerne schaltet und waltet, ohne dabei die Fassung zu verlieren. Und ich glaube, das war seine Art, geradlinig, ein wenig finster dreinschauend und trotzdem ein Mensch, der auch weinen konnte, wenn seine Schwester über die harte Zeit des Krieges erzählte – kurzum wie man so sagt: eine harte Schale um einen weichen Kern. So erlebten ihn auch die Mitbrüder, besonders die, die mit ihm in Haßfurt, in Eichstätt oder in Ried zusammenlebten. Der „Kwia“ hieß er oder der „Ded“, und jeder wusste, wer damit gemeint war: eine markante Persönlichkeit unserer Ordensprovinz, der konsequente Erzieher, der geradlinige Berufsschullehrer mit mehr als 30 Unterrichtsstunden in der Woche, der Rektor von Hassfurt oder Eichstätt, vor dem man Respekt hatte, wenn man zu ihm kam oder auch der Ökonom, der ein wenig an das Gleichnis vom klugen Verwalter im Lukasevangelium erinnert. Wie er als Priester war, kann ich nicht sagen, ich habe ihn nie am Altar oder im Beichtstuhl erlebt, aber er war weit über Hassfurt hinaus bekannt für seine Gottesdienste und seine Beichtangebote. Der treue Dienst an der Eucharistie muss ihm der größte Wert gewesen sein. Denn mir fiel bei meinem Besuch in Witten auf, dass er das Wohnzimmer des Hauses seiner Schwester zur Hauskapelle machte, der Wohnzimmertisch sein Altar war und sein Kelch den ganzen Tag dort stand, wie mir Frau Scholz, seine Schwester, die ihm ministrieren musste, erzählte.
Die Heilung des Blinden bei Betsaida gibt mir für diesen Auferstehungsgottesdienst von P. Edmund ein paar tröstende und heilvolle Gedanken. Man brachte einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Und Jesus nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn vor das Dorf hinaus. Jesus hat unseren Mitbruder und Verwandten nun bei der Hand genommen. Die letzten Wochen und Monate war P. Edmund immer wieder im Krankenhaus und in der Kurzzeitpflege. Sein Lebensrhythmus kam aus dem Lot und er brauchte einen, der ihn fest bei der Hand nahm, vielleicht fester als wir Menschen das imstande sind. Jesus hat ihn bei der Hand genommen und hinausgeführt aus diesem Leben in ein anderes Leben, das von der Ewigkeit geprägt ist. Jesus bestrich die Augen des Blinden mit Speichel, er nahm ihn hinein in die Intimität seines Wesens und er legte ihm die Hände auf, sodass langsam das Augenlicht zu ihm wieder zurückkehrte. Ich denke, man kann darin auch die Läuterung des Menschen sehen, der von der Hand Jesu berührt wird, die Klärung des Blickes für die Wahrnehmung der Wirklichkeit, wie sie wirklich ist. Es heißt: nun sah der Mann deutlich, er war geheilt und konnte alles genau sehen. Sein Blick war deutlich. Ich denke, dass es der Blick sein kann, von dem Paulus spricht, wenn er sagt: Gott hat uns der Macht der Finsternis entrissen und aufgenommen in das Reich seines geliebten Sohnes. Durch ihn haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden. An diesem Reich haben wir Anteil, weil wir in Jesus einen Bruder bekommen haben, der alles versöhnt, weil Gott mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnt. Von ihm geht die Geburt aus dem Tod hervor, Friede und Versöhnung. Das ist es, was wir glauben und was wir auch für unseren P. Edmund von Gott erbitten. Damit dürfen wir uns jetzt trösten und mit Freude Gott danken, denn er hat uns fähig gemacht, teilzunehmen am Leben der Heiligen, die im Licht sind. So dürfen wir mit Franz von Sales daran glauben, dass P. Edmund, der in seinem Leben Gott gesucht hat, ihn im Tod gefunden hat und wir beten, dass er ihn in der Ewigkeit auch besitzen kann. Amen

P. Provinzial Thomas Vanek OSFS (Eichstätt, 20.9.2010)

Predigt beim Requiem für P. Josef Mayer (2 Kor 5, 1.6-7.9a.10; Mk 9, 2-8)

Jetzt ist er bei den Schauenden

Am 6. August, dem Fest der Verklärung des Herrn, hat P. Josef Mayer sein irdisches Zelt abgebrochen. Als Glaubender, so wie es Paulus an die Korinther ausdrückt, war er unterwegs – jetzt ist er bei den Schauenden, jetzt ist er in die Wohnung Gottes, in das ewige – nicht von Menschenhand errichtete Haus im Himmel eingezogen. Am Tag der Verklärung des Herrn hat er – wie die Apostel im Evangelium – den Zugang zum Schauen des Verklärten Herrn bekommen. Jetzt kann er den Herrn, dem er in seiner Berufung zum Ordensmann und Priester gefolgt ist, als verwandelten Herrn sehen, strahlend weiß, so wie ihn die Frohbotschaft beschreibt. Und auch die Wolke, die über die Jünger ihren Schatten warf, war für P. Josef Mayer da. Ich denke da besonders an die letzten drei Monate, die Monate seiner schweren Krankheit, der Operationen im Krankenhaus, der Rehabilitation und der folgenschweren Gehirnblutung. Die Wolke warf ihren Schatten auf ihn, und keiner weiß es, wie sehr auch er wie die Jünger vor Furcht ganz benommen war. Trotzdem diese Wolke Furcht erregend ist, es kommt aus ihr eine Frohbotschaft heraus: Das ist mein geliebter Sohn. Wenn in all der Angst vor Krankheit und Tod das Bewusstsein und die Erfahrung immer stärker wird, ein von Gott geliebter Mensch zu sein, dann ist der Zugang zum verklärten Herrn eröffnet, denn dann ist man bereit, sich von Jesus mit hinein nehmen zu lassen in sein Sterben, um auch mit ihm an der Auferstehung teilzunehmen. Die Jünger sahen nach dieser Erfahrung niemanden mehr bei sich außer Jesus. Und ich denke, es gibt doch nichts Schöneres für einen Christen, als diesen Augenblick, mit Jesus ganz allein zu sein. Obwohl die Mitbrüder und Verwandten in den letzten Stunden bei ihm waren, wählte er dennoch einen Zeitpunkt zu sterben, an dem er alleine war, allein mit Jesus!
Das Bild des irdischen Zeltes, das Paulus für unser Leben in dieser Welt verwendet, scheint mir für das Leben von P. Mayer passend zu sein. Auch wenn er die meiste Zeit seines Lebens am gleichen Ort – in Fockenfeld – verbrachte, war er viel unterwegs, nicht nur mit dem Auto sondern auch im Haus, in der Schule und hin zu den Menschen in den Pfarreien, in den Diözesen. Als Lehrer für Mathematik und Physik war P. Mayer nicht nur Freund und Begleiter vieler Schüler, sondern auch ein Naturwissenschaftler. Die Technik – vor allem die EDV – und alles, was damit in Verbindung steht, die verschiedensten elektrischen und elektronischen Anlagen bündelten seine naturwissenschaftlichen Interessen. Lange Zeit war P. Mayer in Fockenfeld DIE Zentrale für alles Technische. Im Arbeitsmantel und umgeben von ein paar ausgewählten technisch begabten Studenten („Mayerstifte“ – der Ausdruck ist wirklich passend) war er im Haus unterwegs, um die elektrischen Anlagen zu warten bzw. auf den neuesten technischen Stand zu bringen. Soviel ich mich erinnern kann, war P. Mayer auch in der Ordensprovinz ein unumgänglicher Experte, als das Computerzeitalter anbrach. Mit seiner eigenen Art von Humor – und auch mit seinem energischen Temperament – war (letztlich) sein Engagement für die Menschen, vor allem für die jungen Menschen in Fockenfeld verbunden. Gerade diese Sorge um die Spätberufenen in Fockenfeld war es auch, die ihn jeden Sommer mehrere Wochen mit dem „Weinberg“-Kalender unterwegs sein ließ. Das war (s)eine besondere Art von Seelsorge: unterwegs zu den Menschen. Das Bild des irdischen Zeltes beginnt da besonders lebendig zu werden. Wer sich zum Ordenschrist berufen fühlt, der wählt aus freiem Willen das Leben in der Fremde, wie es Paulus ausdrückt, und seine Ehre sucht er darin, dem Herrn zu gefallen, nicht den Menschen und nicht sich selbst. Das heißt, nicht für sich sondern für die Sendung Jesu als Apostel, als Gesandter zu leben. Das priesterliche Amt kann sich nur aus diesem Verständnis sinnvoll nähren und entwickeln. Nicht selbst getröstet zu werden, sondern zu trösten, kann nur, wer von Gott und seinem Ruf erfüllt ist und bereit ist, für ihn zu gehen. Das ist kein bequemes Leben, sondern da ist auch eine gewisse Unruhe damit verbunden. Und ich glaube, dass P. Mayer auch diese Unruhe in sich spürte. Der hl. Augustinus sagt ja: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir. Auf der Parte wird Franz von Sales zitiert: Gott, was wird das für eine Freude sein, wenn unsere Seelen die ersehnte Ruhe der ewigen Liebe genießen werden!
Du bist mein geliebter Sohn, meine geliebte Tochter – diese Zusage am Berg der Verklärung ist die Zusage, die jeden und jede von uns zur ersehnten Ruhe führen kann. Es ist die Zusage, dass wir das ewige Leben, das Leben in Fülle erleben dürfen, wenn wir sie ganz für uns annehmen. Weil Jesus sie annahm – ganz annahm steht er in der Reihe mit Moses und Elija und jeder Mensch, der diese Zusage annehmen kann, steht ebenfalls in dieser Reihe. P. Josef Mayer – unser Mitbruder, Verwandter, Lehrer und Freund, braucht kein Zelt mehr in dieser Welt und auch keine Hütte, wie Petrus sie bauen will, sondern er steht in der Reihe mit Jesus, er hat das ewige Haus, die Wohnung von Gott bereits erhalten, das glauben wir und darin wollen wir uns auch in dieser Stunde trösten und im Glauben an die Auferstehung stärken. Amen

P. Provinzial Thomas Vanek OSFS (Eichstätt, 11.8.10)

Predigt beim Requiem Br. Ernst Prause (1 Kön 19, 4-9; Mt 13, 47-48)

Ein Engel rührte den schlafenden Elija

Ich habe als Lesung diesen Abschnitt aus der Geschichte des Propheten Elija gewählt, weil er meines Erachtens nach gerade zum letzten Lebensabschnitt von Br. Ernst passt. Dieser letzte Lebensabschnitt waren doch fast 13 Jahre. Aber ich meine, es waren ganz wichtige 13 Jahre. Als nämlich Br. Ernst 80 war, trat er in den Ruhestand. D.h. er trennte sich von seiner Arbeit als Hausmeister und von den vielen kleinen Arbeiten, die ihm die meiste Zeit seines Lebens – besonders seines Ordenslebens – viel Freude bereitet haben. Man hat sogar erzählt, dass er genau mit seinem 80. Geburtstag die Arbeitskluft ausgezogen hat, und am darauf folgenden Tag war Br. Ernst kein Arbeiter mehr. Ich glaube, ab diesem Tag begann für ihn wie für Elija der Weg in die Wüste. Seine so beschwingte und fröhliche, zumal auch energische Art, veränderte sich wie auf einmal in die Art eines Einsiedlers, der kaum noch aus seinem Zimmer ging. Der allseits bekannte extrovertierte Br. Ernst wurde zu einem introvertierten schweigsamen Menschen. Und nicht selten sagte er: ich will eigentlich nur mehr sterben. Elija, der noch ganz unter dem Eindruck von seinem Erfolg auf dem Berg Karmel stand, erlebt in der Wüste etwas ganz ähnliches. Er will nicht mehr. In der Wüste ist er fern vom Erfolg, fern vom Tun und von der Arbeit, ganz auf sich allein gestellt. Und da bricht offensichtlich sein ganzes Selbstverständnis ein, denn er ist ja der, der eifrig für den Herrn eingetreten ist und seinen Gegnern auch gezeigt hat, wer der wahre Gott ist. Br. Ernst hatte bevor er Sales-Oblate wurde, ein sehr bewegtes Leben. In diesem Leben hieß es sich bewähren, lernen und durchkämpfen. Als praktizierender Bäckergeselle wurde er von Anfang des Krieges an in den Militärdienst eingezogen und selbst die Kriegsgefangenschaft musste er 3 Jahre lang aushalten. Wahrscheinlich war diese Zeit für ihn die erste Erfahrung von Wüste, die es auszuhalten galt, in der aber auch seine Berufung zum Ordensmann gereift ist. Als Heimatvertriebener Schlesier fand er schließlich eine neue Heimat, die Ordensgemeinschaft der Oblaten des hl. Franz von Sales. Und seit seiner Ordensprofess war für Br. Ernst die Arbeit in der Landwirtschaft, in der Haustechnik und im Garten seine Freude. Er war ein Oblate im wahrsten Sinn des Wortes – ein sich hingegebener in das, was anstand, was es zu tun galt. Das war klar, wenn die Heizung ausfiel, war Br. Ernst zur Stelle. Ob Tag oder Nacht. (In der Nacht vielleicht nicht so begeistert wie am Tag.) Sein Geschick und seine vielen praktischen Talente konnten sich da entfalten und zu blühen beginnen. Ich persönlich erlebte in meiner Ausbildungszeit Br. Ernst als einen Vollblutarbeiter, den ich größtenteils nur im Arbeitsgewand sah, und bei den geistlichen, liturgischen Zeiten in einem etwas besseren (schöneren) Arbeitsmantel oder eben im Talar. In seinem Engagement für den Garten, für den Friedhof, für das Studentenheim hier im Rosental konnte er sich ereifern und manchmal auch ein wenig heftig werden. Das Wochenende und der Sonntag, sowie der Urlaub waren für ihn heilig. Nicht selten besuchte ich Br. Ernst auf seinem Zimmer am Samstag Nachmittag und dann konnten wir lachen und blödeln und ich erlebte ihn als einen jung gebliebenen Mitbruder.
Das war sein Leben bis zu seinem Ruhestand. Denn dann kam die Wüste, der Gedanke ans Sterben immer öfter. Seine Schweigsamkeit machte uns Sorgen. Als er aber dann auf die Pflegestation in das Caritas-Altenheim St. Elisabeth kam, änderte sich das noch ein weiteres, ein letztes Mal. Ein Engel rührte den schlafenden Elija an und sprach: Steh auf und iss! Und er aß und trank und nahm den Weg gestärkt durch die göttliche Speise auf sich, bis er am Gottesberg Horeb war. In diesen letzten Jahren begann Br. Ernst wieder zu reden, er bewies, wie gut sein Gedächtnis noch war, er formulierte klar und deutlich seine Gedanken, er interessierte sich für Neuigkeiten aus dem Orden, er freute sich über jeden Besuch der Mitbrüder. Und die Mitbrüder besuchten ihn deshalb gerne, und ich erfuhr von ihren Besuchen bei Br. Ernst von einem ganz anderen Ernst als ich ihn noch vor einigen Jahren hier im Rosental erlebte. Sein Wunsch nach dem Heimgang zu Gott war noch immer da, aber er war geläutert und gleichzeitig erfüllt von einer Dankbarkeit für sein reiches und erfülltes Leben. Was war seine Wüstenerfahrung in diesen letzen Jahren? Im Gleichnis vom Fischnetz mag eine mögliche Antwort liegen. Sein Netz war voll von allerlei Fischen. Der Fischfang seines Lebens hat sich ausgezahlt. Was noch fehlte, war die Auslese. Die guten Fische von den schlechten zu unterscheiden und zu trennen. Das kann eine Aufgabe im Altwerden sein. Die Früchte des Lebens einzuholen, sie zu betrachten und zu unterscheiden, damit das Leben reif wird, um es ganz in die Hände Gottes zu legen – angenommen und versöhnt. Manchmal – wie auch bei Br. Ernst – geben einem die gesundheitlichen Grenzen wenig Spielraum und zwingen einem zu diesem inneren geistlichen Prozess. Ich glaube, mit der Hilfe vieler Mitbrüder, die Br. Ernst gerade in dieser letzten Lebensphase begleitet haben, aber auch mit der Hilfe des Pflegepersonals im Altenheim St. Elisabeth, konnte Br. Ernst seinen Gottesberg Horeb erreichen. Allen, die ihm dabei begleitet haben, möchte ich meine tiefe Dankbarkeit aussprechen. Sie waren geistliche BegleiterInnen für unseren Br. Ernst, der nun die Fülle seines Fischfanges in Gott selbst erfahren darf. Mit Franz von Sales möchte ich schließen so wie es auf der Parte geschrieben steht: Jesus Christus blickt dich vom Himmel her gütig an und lädt dich herzlich ein: Komm zur ewigen Ruhe, teure Seele! Komm in die Arme meiner Güte, die dir in ihrer überreichen Liebe endlose Freuden bereitet. Amen

P. Provinzial Thomas Vanek OSFS (Eichstätt, 23. Juli 2010)