Predigt zum 6. Sonntag der Osterzeit (Joh 14,15-21)

Spuren der Liebe

Vom deutsch-französischen Arzt, Philosophen und evangelischen Theologen Albert Schweitzer (1875-1965) stammt das Wort:

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren von Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“

Der Text des Evangeliums vom 6. Sonntag der Osterzeit, den wir soeben hörten, ist ein Teil aus den Abschiedsreden Jesu Christi an seine Jüngerinnen und Jünger. Jesus bereitet also seine Jüngerinnen und Jünger darauf vor, dass er sterben und zu Gott Vater heimkehren wird. Er will ihnen also noch einmal das Wichtigste und Wesentlichste seiner Lehre mitgeben. Und auch bei diesen Abschiedsreden gilt: Das wirklich Wichtige und Wesentliche sind die Spuren der Liebe, die wir hinterlassen, wenn wir gehen. Und die Liebes-Spuren, die uns Jesus Christus hinterlässt, sind tatsächlich das Wesentliche seiner Lehre: seine Hinwendung gerade an die Armen, Kranken, Ausgestoßenen und Sünder. Sein Hauptgebot der Liebe: der Liebe zu Gott, zu den Nächsten wie zu uns selbst. Seine Liebe zu Gott Vater, eine Liebe des vollkommenen Eins-Seins. Seine liebende Hingabe an die Welt, durch seine Bereitschaft, das Kreuz auf sich zu nehmen, sein Kreuz zu tragen und am Kreuz zu sterben. Und schließlich seine Spur der Liebe, die stärker ist als jeder Tod: seine Auferstehung, sowie sein Geschenk der Liebe an die Welt: der Beistand, der Heilige Geist, die Frucht der Liebe zwischen Gott Vater und Gott Sohn, die liebende Energie und Kraftquelle, die das Leben und die Welt durchströmt.

Der heilige Franz von Sales gilt in der Tradition der Kirche als DER Lehrer der Liebe schlechthin, als der „Doctor amoris“, weil er diese Spuren der Liebe, die Jesus Christus uns allen hinterlassen hat, nicht nur aufgegriffen, sondern theologisch mit seinen Gedanken und seinem Verhalten beleuchtet, durchdrungen und damit uns Menschen noch eindringlicher näher gebracht hat. Franz von Sales schreibt:

„Die göttliche Liebe ist Ziel, Krönung und Vollendung des Weltalls“ (DASal 4,168).

„Alles ist für die Liebe bestimmt und die Liebe für Gott. Alles muss der Liebe dienen“ (DASal 4,92)

„Die Liebe allein bestimmt den Wert unseres Tuns.“ (DASal 6,368)

Das sind nur drei seiner unzähligen Aussagen über die Liebe, die uns Franz von Sales hinterlassen hat. Alle diese Aussagen, die er durch sein eigenes vorbildliches Leben und Handeln untermauerte, sind und bleiben uns erhalten und sind zeitlos gültig. Sie gehören unwiderruflich zum spirituellen Schatz der christlichen Religion.

Es wäre zu wünschen, dass wir später einmal auch über die Zeit der Corona-Krise, die wir in diesem Jahr durchleben, im Rückblick ebenso aufzählen könnten, welche „Spuren der Liebe“ diese Krise in der Welt hinterlassen hat. Dass wir also nicht davon erzählen, wie viele Infizierte, Kranke oder Tote es gegeben hat, sondern wie viele Taten der Liebe: im Füreinander und Miteinander, in der Rücksicht und Solidarität, in der Bereitschaft, eigene Interessen zurückzustellen, damit es allen gut geht, und nicht nur mir.

Die Menschen haben ihre Schutzmasken getragen, obwohl es unangenehm und unattraktiv war, nicht, um sich selbst zu schützen, sondern um die anderen zu schützen.

Die Menschen haben sich an die Abstands- und Hygieneregeln gehalten, nicht, um sich selbst nicht anzustecken, sondern um die Ansteckung anderer zu verhindern.

Die Menschen haben auf alle möglichen liebgewordenen Dinge verzichtet, nicht, weil sie Angst davor hatten, sondern aus Rücksicht gerade mit jenen der Gesellschaft, die am meisten gefährdet sind.

„Das einzig Wichtige im Leben sind die Spuren, die wir hinterlassen, wenn wir gehen.“ Dieses Wort von Albert Schweizer, aber auch die Worte des heiligen Franz von Sales über die Liebe laden uns ein, darüber nachzudenken, worauf es denn im Leben wirklich ankommt. Gleiches gilt natürlich auch für die Abschiedsreden Jesu und seine Spuren der Liebe, die er uns hinterlassen hat. In jenem Satz zum Beispiel, den wir am Schluss des obigen Abschnittes gelesen haben, ist das Wort Liebe gleich vier Mal enthalten:

„Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt;
wer mich aber liebt, wird von meinem Vater geliebt werden
und auch ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS