Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit (Joh 10,1-10)

Leben in Fülle

Im heutigen Evangelium hören wir ein sehr wichtiges Wort Jesu. Er sagt: „Ich bin gekommen, damit sie“ – also wir Menschen – „das Leben haben und es in Fülle haben.“ Diese Aussage stellt die Zusammenfassung aller Bilder und Gleichnisse dar, mit denen sich Jesus den Menschen als der „gute Hirte“ beschreibt, der seine Schafe – also uns Menschen – nicht im Stich lässt, sondern alle mit Namen kennt, sie begleitet und Türen öffnet in Räume, wo sie Schutz und Ruhe finden können.

Zugegeben, das Bild der Menschen als Schafherde ist heute nicht mehr so der Renner. Und auch zur Zeit Jesu hatten die Menschen Schwierigkeiten, den Sinn dessen zu verstehen, was Jesus mit diesem Bild eigentlich sagen wollte. Dieses Bild bedarf also einer Erklärung und diese Erklärung liefert Jesus mit seinem Schlusswort: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Genau darum geht es also: Jesus ist da, um uns den Weg zum Leben in Fülle zu zeigen, uns auf diesem Weg zu begleiten und dafür zu sorgen, dass wir dieses Ziel auch erreichen.

Nun stellt sich allerdings eine weitere Frage: Was bedeutet den dieses „Leben in Fülle“ genau? Nehmen wir uns einfach kurz Zeit und fragen wir uns, was ich darunter verstehe?

Was stelle ich mir unter einem „Leben in Fülle“ konkret vor? Dass es mir gut geht? Dass es meiner Familie gut geht? Dass ich gesund bin, ein gesichertes Einkommen habe, ein Dach über dem Kopf, Freunde? Dass ich Urlaub machen kann, wo ich will usw.

Ich glaube, da gibt es eine ganze Menge Antworten, Wünsche, Vorstellungen, und jeder Einzelne wird das „Leben in Fülle“ mit ein wenig anderen Inhalten verbinden.

Bei den Nachrufen über das Leben von Verstorbenen etwa, wollen die Angehörigen oft deutlich machen, dass der Verstorbene trotz so mancher Schwierigkeiten, die es im Laufe eines Lebens natürlich auch gibt, dennoch ein gutes, erfülltes und glückliches Leben hatte. Und was wird dann als Beweis  dafür genannt? Das Reisen zum Beispiel, oder die Kultur, das eigene Haus und der Garten im Grünen – und eine intakte Familie, Kinder, Enkelkinder, Urenkelkinder. Meine Erfahrung ist, dass jene Angehörigen, die von diesen Dingen viel erzählen können, die Trauer leichter ertragen. Sie sagen sich: Der Verstorbene hatte ein gutes, ein erfülltes Leben – ein Leben in Fülle also – und der Tod lässt sich leider nicht verhindern. Trauer und Schmerz sind umso größer, je mehr die Hinterbliebenen das Gefühl haben: Dieser Mensch ist zu früh gestorben, also bevor er all das, was ein erfülltes Leben ausmacht, erleben konnte.

Es ist ganz gut, immer wieder darüber nachzudenken, was denn „Leben in Fülle“ wirklich bedeutet. Unsere Welt erlebt ja gerade eine Krise. Bei allen Schwierigkeiten, Problemen und Tragödien, die damit verbunden sind, macht uns diese Ausnahmesituation doch auch nachdenklich darüber, was denn im Leben tatsächlich wichtig und wesentlich ist. Wenn man mal etwas nicht darf, wenn mal etwas nicht selbstverständlich ist, was immer selbstverständlich war, dann erkennt man vielleicht wieder besser, wie wertvoll etwas ist – und dass das eventuell auch zu einem Leben in Fülle dazugehört.

Zurück zu Jesus Christus, dem guten Hirten, der uns zum Leben in Fülle führen möchte. Seine Aussage vom Leben in Fülle geht nämlich viel weiter, als wir im ersten Augenblick vielleicht meinen. Sie sprengt nämlich unseren irdischen Horizont von Raum und Zeit und öffnet den Blick – oder um im Bild Jesu zu bleiben – die Tür für das Überirdische, für die Ewigkeit. Leben in Fülle bedeutet für Jesus die Vollendung, also das ewige Leben in der liebenden Gegenwart Gottes. Genau dahin verspricht uns Jesus als der Gute Hirte zu begleiten. „Ich bin die Tür“, sagt er uns, „wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Das heißt also: Wer Jesus folgt, der wird sein Lebensziel erreichen, für das Gott ihn berufen hat: das Leben in der Gegenwart seiner nie endenden Liebe.

„Die Liebe Gottes zerstört nicht, sie vollendet“ sagt der heilige Franz von Sales. Und Ziel dieser Liebe Gottes ist es, dass wir Menschen schließlich und endlich mit dieser Liebe vollkommen vereint sind.

Will ich das überhaupt? Dieses „Leben in Fülle“, das mir Jesus verspricht? Egal, ob ich diese Frage jetzt gleich beantworten kann, von einem darf ich mir jedoch hundertprozentig sicher sein: Gott will es ganz bestimmt. Er sehnt sich danach, dass wir ihn lieben, und er tut alles, damit wir auf diese Sehnsucht Gottes mit gleicher sehnsüchtiger Liebe antworten, weil er weiß, dass wir dadurch das Leben in Fülle erlangen.

Franz von Sales schreibt darüber in seiner Abhandlung über die Gottesliebe: „Sieh, wie der himmlische Vater uns an sich zieht. … Er wirft in unsere Herzen frohe und freudige geistliche Empfindungen, sozusagen als heilige Lockmittel, durch die er uns liebevoll anzieht, die Schönheit seiner Lehre aufzunehmen und zu verkosten“ (DASal 3,129).

Wir sind selbstverständlich frei, auf diese „Lockmittel“ Gottes zu antworten. Franz von Sales ist aber davon überzeugt, dass es keine bessere Methode zum Lebensglück gibt, als Gott und seinen Lockungen zu folgen. Denn, so sagt er in einer Predigt: Jesus „ist der gute Hirte (Joh 10,11) und der überaus liebenswürdige Schäfer unserer Seelen, … für die er so viel getan hat. Wie glücklich werden wir sein, wenn wir ihn getreu nachahmen und seinem Beispiel folgen“ (DASal 9,212).

Denken wir also auch darüber nach, ob wir diesem guten Hirten folgen wollen, der uns dieses Glück, dieses Leben in Fülle, verspricht. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS