Predigt zum Palmsonntag (Mt 21,1-11)

Erwartungen

Wir Menschen haben natürlich immer bestimmte Erwartungen an das Leben, an unsere Mitmenschen, an uns selbst, an die Welt. Gehen dieser Erwartungen in Erfüllung, sind wir zufrieden, kommt es anders als man denkt, dann haben wir unsere Probleme.

Besonders heikel sind diese Erwartungen, wenn wir sie Gott gegenüber haben. Wir haben da ja immer so unsere Vorstellungen, wie Gott zu sein hat, wie er handeln soll, was er uns erfüllen soll und was er tunlichst vermeiden soll. Entspricht Gott nicht unseren Vorstellungen, dann heißt es oft genug: Einen solchen Gott, der so etwas zulässt, den kann es nicht geben, oder mit dem will ich nichts zu tun haben. Wir zimmern uns eben sehr leicht unser eigenes Gottesbild und dem hat Gott zu entsprechen. Wenn nicht, dann glauben wir einfach nicht an ihn und wenden uns anderen „Göttern“ zu, die besser zu unseren Vorstellungen passen.

Der Palmsonntag hält uns gerade darin einen Spiegel vor. Als Jesus in Jerusalem einzieht, war die Menge begeistert. Er entsprach eben genau ihren Erwartungen. Der Sohn Davids wird mit Jubel und Hosanna-Rufen empfangen. „Siehe, dein König kommt!“ Das Wort des Propheten hat sich erfüllt. „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!“ „Die ganze Stadt erbebte“ vor Begeisterung, so lesen wir im Evangelium. „Das ist der Prophet Jesus von Nazareth in Galiläa.“

Kurze Zeit später schlägt jedoch dieser Jubel um in das Geschrei: „Ans Kreuz mit ihm!“ Wir haben uns vollkommen getäuscht. Dieser Jesus entspricht ganz und gar nicht unseren Erwartungen. Mit ihm wollen wir nichts mehr zu tun haben. „Weg mit ihm!“

Was erwarte ich mir von Jesus, von Gott? Entspricht er meinen Vorstellungen? Rufe ich „Hosanna“ oder schreie ich: „Weg mit ihm, ans Kreuz mit ihm“? In dieser extremen Form wird es wahrscheinlich niemandem von uns ergehen. Aber so ein bisschen dazwischen vielleicht doch, gerade in der Situation, in der wir gerade leben. Hab ich mir nicht doch die Frage gestellt: Wie kann Gott so etwas zulassen? Kann es einen Gott überhaupt geben, wenn er eine solche Pandemie nicht verhindert? Plötzlich rückt auch wieder ein strafender Gott in den Vordergrund, der sich gegen die Bosheit und Sünden der Menschen auflehnt, so wie damals bei der Sintflut. All diese Reaktionen sind aber nichts anderes als Zeichen für eine bestimmte Erwartungshaltung, die wir Gott gegenüber haben. So oder so muss Gott sein, so oder so hat er sich deshalb zu verhalten.

All das ist aber falsch. Es war damals schon falsch in Jerusalem und es ist heute immer noch falsch. Wir Menschen sind eben nicht dazu da, Gott vorzuschreiben, wie er sich zu verhalten hat, noch ihn und sein Handeln zu verstehen. In der Gottesbeziehung geht es vielmehr um Liebe und Vertrauen. Das Leben Jesu, gerade sein Leidensweg, sein Tod am Kreuz, machen uns deutlich: Selbst die finsterste Stunde, der schmerzlichste Leidensweg im Leben kann sinnvoll sein und Positives bewirken, auch wenn ich all das überhaupt nicht begreife und mit einem Gott, der die Liebe ist, in Einklang bringen kann.

„Die Beweggründe der göttlichen Vorsehung wären sehr armselig,“ so schreibt der heilige Franz von Sales in seinem Buch Abhandlung über die Gottesliebe (Theotimus), „würden wir kleinen Geister sie einsehen“ (DASal 3,225). Daher zieht er den Schluss: „Niemals dürfen wir unserem Verstand erlauben, in ehrfurchtsloser Neugierde die Flamme göttlicher Ratschlüsse zu umflattern. Gleich kleinen Schmetterlingen würden wir uns nur die Flügel verbrennen und im Feuer dieser heiligen Flamme zugrunde gehen.“ (ebd.)

Franz von Sales lädt uns vielmehr zum Gottvertrauen ein. Egal, was auch geschieht, in Gott und seiner Liebe sind wir geborgen, selbst in Krankheit, Leiden, Schmerz und Tod. Es ist das Vertrauen all jener, die Jesus auch unter dem Kreuz nicht verlassen haben: seine Mutter Maria, die Frauen und der Apostel Johannes.

Um dieses unbedingte Gottvertrauen können wir am heutigen Palmsonntag und in den kommenden Kartagen beten, und um die Einsicht, dass wir aus der schwierigen Situation, die durch die Pandemie ausgelöst wurde, die richtigen Lehren ziehen. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS