Predigt zum 3. Adventsonntag (Lk 3,10-18)

Gott ist im Kommen

Ein sehr bekanntes und auch gerne zitiertes Wort des heiligen Franz von Sales lautet: „Blühe, wo du gepflanzt bist“. Schaut man nach, wo Franz von Sales das geschrieben hat, dann stellt man allerdings fest, dass er eigentlich etwas mehr schreibt, nämlich: „Blühe dort, wo Gott dich hingepflanzt hat“ (vgl. DASal 5,271).

Ähnlich ist es auch mit dem Wort „Carpe diem“ – „Nütze den Tag“, das oft verwendet wird. Franz von Sales zitiert das auch, aber er fügt noch etwas hinzu, nämlich: „Nütze den Tag, den Gott dir geschenkt hat.“ (vgl. Philothea II,10; DASal 1,81-82).

Offenbar neigen wir Menschen dazu, Gott aus unserem Alltag und aus unserer Alltagssprache herauszukürzen. Die Zitate scheinen ohne Gott besser zu klingen – bzw. es könnte ja auch etwas peinlich für mich werden, wenn ich vor anderen Gott in den Mund nehme. Bei einer Predigt erwartet man das irgendwie schon, dass Gott da vorkommt, im Alltag aber nicht. Aus „Grüß Gott“ wird „Hallo“, aus „Behüt dich Gott“ wird „Auf Wiedersehen“. Und dass „Tschüss“ eigentlich „Adieu“ – also „Mit Gott“ – bedeutet, das weiß kaum noch jemand, sonst würde man es wahrscheinlich auch nicht mehr so häufig sagen.

Daher ist es gut, dass es jedes Jahr den Advent gibt – und die Botschaft, an die uns diese vier Wochen erinnern wollen. Diese Botschaft des Advents lautet nicht: „Denk daran, was du wem zu Weihnachten schenken sollst – oder wem du welche Weihnachtsgrüße schicken willst.“ Die Botschaft des Advents lautet: „Gott ist im Kommen!“ Ja wirklich, man höre und staune: Gott kommt. Er will den Menschen nahe sein, ganz nahe, nicht nur am Sonntag, sondern vor allem im Alltag, dort, wo der Mensch lebt und arbeitet, dort, wo er Zuhause ist, also dort, wo Gott uns hingepflanzt hat, an jedem Tag, den Gott uns geschenkt hat.

Was sollen wir also tun? Das Evangelium von heute beantwortet diese Frage ganz unterschiedlich – weil eben ein Zöllner anders handeln soll als ein Soldat, weil jeder Mensch unterschiedliche Aufgaben, Fähigkeiten und Schwächen hat. Für alle aber gilt eines gleich – nämlich das, was Johannes der Täufer in der Wüste verkündete: „Lass Gott an dein Herz heran“. Nimm ihn ernst, lass ihn in deiner Mitte leben. Leg den alten Menschen ab, der Gott aus seinem Leben weggekürzt hat. Werde ein neuer Mensch, getauft mit Heiligem Geist und mit Feuer, durch den Gottes Gegenwart in unserer Mitte spürbar wird.

Die Grundfrage des Advent lautet also: Spüren die Menschen an mir und meinem Verhalten im ganz normalen Alltag, dass Gott im Kommen ist. Oder habe ich Gott aus meinem Leben so weggekürzt, dass ja keiner merkt, dass ich irgendetwas mit Gott zu tun habe?

Ein bisschen Zeit haben wir ja noch bis Weihnachten, um uns mit dieser Grundfrage des Advents zu beschäftigen. Nützen wir sie, weil Gott sie uns geschenkt hat. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS