Predigt zum Fest Maria Empfängnis (Lk 1,26-38)

Erwählung

in zwei Tagen, am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte und dem Todestag von Alfred Nobel, wird in Oslo der Friedensnobelpreis verliehen. In diesem Jahr bekommt ihn der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die iranische Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad. Beide bekämpfen den Einsatz von sexueller Gewalt als Kriegsmittel. Unter den früheren Preisträgerinnen und Preisträgern finden sich eine ganze Reihe bedeutender Persönlichkeiten der Geschichte: Mutter Teresa zum Beispiel für ihren Einsatz gegen die Armut, oder Martin Luther King für seinen Einsatz gegen die Rassentrennung.

Wer für einen Nobelpreis auserwählt wird, für den ist das eine ganz besondere Ehre und Anerkennung seiner Lebensleistung. Und so mancher der Auserwählten erlebte diese Auswahl durchaus auch als große, unerwartete Überraschung, weil er sich selbst ganz anders einschätzte als das Nobelpreiskommitee.

Heute, am 8. Dezember, feiern wir die Erwählung Marias. Und ihr erging es dabei so ähnlich wie so vielen Auserwählten vor und nach ihr: Erschrecken, Überlegen, was das alles zu bedeuten hat, wie soll das geschehen, und schließlich die demütige Anerkennung: „Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe, wie du es gesagt hast.“

Wenn Gott einen Menschen erwählt, dann tut er es nicht aus irgendeiner Laune heraus, sondern weil er es von Ewigkeit her geplant und vorbereitet hat. Und auch das feiern wir, wenn wir die Erwählung Marias feiern. Auch wenn Maria überhaupt nicht begreift, warum gerade sie die Auserwählte ist, so anerkennt sie, dass Gott diese Wahl von Ewigkeit her geplant – und alles vorbereitet hat, damit dieser Plan auch gelingt. Das wird in dem etwas kompliziert klingenden Namen des heutigen Hochfestes zum Ausdruck gebracht: „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“. Der Plan Gottes mit den Menschen, seine Wahl und Berufung ist keine spontane Idee, sondern ein wohl durchdachtes und überlegtes Ereignis, das genau in Maria zur Vollendung gelangen soll.

Für Maria genauso wie für uns alle bleibt da oft nur das Staunen. Gott erwählt sich für seine Pläne Menschen, Männer und Frauen, um seine Werke zu vollbringen.

Und diesen Begriff der Erwählung darf jede und jeder von uns tatsächlich auch auf sich selbst anwenden. Ich bin von Gott berufen und auserwählt, mit meinen je eigenen Fähigkeiten, so gering sie auch sein mögen, am Planen und Wirken Gottes teilzunehmen.

Daher schreibt der heilige Franz von Sales: „Erwäge die ewige Liebe, die Gott uns erwiesen hat. … Gott liebte dich; wann begann er dich zu lieben? Als er begann, Gott zu sein, d. h. da er immer war, ohne Beginn und Ende, hat er dich immer und ewig mit grenzenloser Liebe geliebt. Von Ewigkeit hält er die Gnaden und Gunsterweise, die er dir gab, für dich bereit. … Er hat also unter anderem auch daran gedacht, dir den Entschluss einzugeben, dass du ihm dienst“ (DASal 1,257-258).

Wenn man so etwas liest und hört, dann kann es schon sein, dass es einem so geht wie Maria: Erschrecken und Staunen, Fragen: wie soll das geschehen? Warum gerade ich? Wichtig dabei ist die Erkenntnis: „Für Gott ist nichts unmöglich“ und das Vertrauen, dass Gott bei seinen Plänen, Berufungen und Erwählungen sehr wohl weiß, was er tut – und schließlich die demütige Anerkennung: „Ja, Gott, ich bin die Magd, der Knecht des Herrn. Mir geschehe, wie du es gesagt hast.“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS