Predigt zu Allerseelen (Joh 11,17-27)

Ich bin die Auferstehung und das Leben

Im letzten Jahr bin ich genau 37 Mal vor einem Sarg oder einer Urne gestanden, um einen verstorbenen Menschen zu verabschieden.

Das ist für mich eigentlich, trotz aller Trauer, die einem da manchmal entgegenschlägt, immer auch ein sehr bewegender Augenblick. Fast immer, wenn die Angehörigen dazu bereit sind, trete ich beim vorausgehenden Trauergespräch ein in die Lebensgeschichte eines Menschen und erlebe dabei, dass wirklich jeder Mensch einzigartig ist, egal wie lange oder kurz er lebte, an welcher Ursache er oder sie auch immer gestorben ist.

Für mich schließt sich bei jeder Beerdigung daher auch der Kreis, der bei der Taufe begonnen hat: Gott sagt zu jedem Menschen: Ich rufe dich bei deinem Namen, du bist ein von Gott einzigartig geliebtes Geschöpf. Du besitzt eine Würde, die du von mir geschenkt bekommen hast, und die dir niemand nehmen kann, nicht einmal du selbst, egal, wie du auch gelebt haben magst.

Bei fast jeder Beerdigung zitiere ich daher auch ein Wort des heiligen Franz von Sales, das mir persönlich eben sehr gut gefällt. Es lautet: „Haben Sie keine Angst vor dem Tod, denn die Liebe Gottes zerstört nicht, sie vollendet.“

Ich glaube, dieses Wort kann auch uns helfen, mit dem eigenen Tod, mit dem eigenen Sterben zurecht zu kommen. Eine jede und ein jeder von uns wird durch den Tod nicht zerstört, ausgelöscht in ein ewiges Nichts, sondern vollendet, hineingenommen in die ewige Liebe Gottes. Der Grund dafür ist Jesus Christus, der im heutigen Evangelium im Angesicht des Todes seines Freundes Lazarus sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben, wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt. Und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben“.

Diesen Trost können wir als Kirche den Menschen im Angesicht des Todes geben. Es ist ein „Trotzdem“, das wir dem unausweichlichen Sterben und Tod entgegenschleudern dürfen, ein „Trotzdem“, das besagt, dass dieser Tod nicht das Ende ist, sondern die Vollendung, das Ziel, auf das wir alle zugehen. So wie es auch Franz von Sales formulierte: „Geh, meine Seele, geh ein in diese unendliche Ruhe, wandere nach diesem gesegneten Land!“

Wenn wir heute am Allerseelentag der Verstorbenen gedenken, dann tun wir es genau mit dieser Hoffnung, denn wir Christen, so sagt der Apostel Paulus, trauern nicht wie jene, die keine Hoffnung haben. Und wir tun es, um Zeugnis zu geben, dass wir an die Auferstehung und das Ewige Leben glauben, so wie Marta, die sagte: „Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS