Predigt zu Allerseelen

Ein heiliger und heilsamer Gedanke

Es ist „ein heiliger und heilsamer Gedanke für die Verstorbenen zu beten“ … so versichert uns der heilige Franz von Sales. Heute, an Allerseelen, steht dieser Gedanke im Mittelpunkt unserer Gebete.

Warum ist dieses Beten für unsere Verstorbenen etwas „Heiliges“? Warum wurde nicht nur das Begraben der Toten, sondern auch das Gebet für die Toten in die Liste der Werke der Barmherzigkeit aufgenommen? Wenn es um Verstorbene geht, die uns nahe standen … Verwandte, Freunde … dann verstehen wir das wahrscheinlich gut. Durch das Gebet bleiben diese Menschen in Erinnerung. Sie werden nicht vergessen. Durch das Gebet machen wir außerdem deutlich, dass wir fest daran glauben, dass die Toten nicht tot sind, sondern weiterleben in der Ewigen Herrlichkeit des liebenden Gottes. Wenn wir für die Verstorbenen beten, dann geben wir damit also auch ein Glaubenszeugnis ab: Wir glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, wir glauben an das Ewige Leben, das uns Gott durch Jesus Christus verheißen hat. Wir glauben daran, was Franz von Sales einmal so schön ausgedrückt hat: „Um Gottes willen“, schrieb er, „haben Sie keine Angst vor dem Tod. Die Liebe Gottes zerstört nicht, sie vollendet alles“ … Die Toten werden also nicht zerstört, sondern vollendet. Sie haben ihr Ziel erreicht, für das Gott sie erschaffen hat. Daher ist es etwas Heiliges, für die Verstorbenen zu beten … tun wir das immer wieder einmal, nicht nur für jene, die uns nahe standen, sondern immer wieder auch besonders für jene, an die heute niemand mehr denkt.

Warum nun nennt Franz von Sales das Gebet für die Verstorbenen auch als etwas „Heilsames“? Das hat etwas mit uns zu tun, die wir das Sterben und den Tod noch vor uns haben. Das Gebet für die Verstorbenen ist deshalb „heilsam“, weil es uns daran erinnert, dass auch wir einmal sterben werden. „Heilsam“ nennt Franz von Sales die Erinnerung an den Tod deshalb, weil er davon überzeugt ist, dass der Gedanke an den Tod eine Kunst ist, die uns wesentlich leben lässt. An den Tod denken hat nichts mit Depression oder Lebensmüdigkeit zu tun, sondern mit dem genauen Gegenteil: Wer sich bewusst ist, dass er sterben wird, der lebt wesentlich. Der erkennt, was im Leben wirklich wichtig ist, und was unwichtig ist. Deshalb empfiehlt uns Franz von Sales auch, dass wir jeden Abend, wenn wir schlafen gehen, uns daran erinnern sollen, dass dieser Tag der letzte in unserem irdischen Leben gewesen sein kann. Er fordert uns dazu auf, unser Abendgebet damit zu beenden, dass wir unser ganzes Leben vertrauensvoll zurücklegen in die barmherzigen und liebenden Hände Gottes, wo alles, was wir getan oder nicht getan haben, am besten aufgehoben ist. Gott wird das Unvollendete, das wir begonnen haben, nach seinem Willen vollenden … etwas Besseres kann uns gar nicht passieren.

Daher also ist das Gebet für die Verstorbene, an das uns das heutige Allerseelenfest erinnert, für Franz von Sales ein heiliger und ein heilsamer Gedanke. Heilig, weil wir daran glauben, dass der Tod nicht das Ende ist, sondern das Ziel, auf das wir hingeschaffen sind, der Beginn unseres Lebens, das ganz eins ist mit Gott, der uns liebt. Heilsam, weil uns dieses Gebet immer auch daran erinnert, dass auch wir sterben werden – und wir dadurch bewusster leben, wesentlicher leben. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS