Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis (Lk 19,1-10)

Der liebende Blick Jesu

im Gebet von Papst Franziskus zum außergewöhnlichen Heiligen Jahr der Barmherzigkeit, das am Christkönigssonntag, den 20. November 2017 zu Ende gehen wird, ist der Zöllner Zachäus eigens erwähnt: „Herr Jesus Christus, dein liebender Blick befreite Zachäus aus der Sklaverei des Geldes“.

Der liebende Blick, mit dem Jesus Christus jeden Menschen anschaut, ist also für Papst Franziskus das Wesentliche im heutigen Evangelium, und auch das Wesentliche, das uns Gottes Barmherzigkeit deutlich macht. Gott schaut auf uns mit dem Blick der Liebe.

Ich hab nun auch vom heiligen Franz von Sales eine Predigt gefunden, in der er sich mit dem Zöllner Zachäus beschäftigt (DASal 10,330-335). Welche Themen waren nun Franz von Sales dabei wichtig?

1) Jesus Christus geht auf den Sünder zu: Wäre Jesus nicht nach Jericho gekommen, hätte ihn Zachäus nie gesehen. Jesus ist also der Menschensohn, der gekommen ist, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.

2) Zachäus war bereit, einen kleinen Schritt auf Jesus zuzugehen. Mit diesem kleinen Schritt brachte er zum Ausdruck, dass er bereit ist, die Barmherzigkeit Gottes anzunehmen. Zachäus war also einer, der trotz seines sündigen Lebens die günstige Gelegenheit der Jesus-Begegnung nicht versäumen wollte. Um das zu erreichen, stieg er sogar auf einen Baum.

3) Jesus schaut Zachäus mit „einem Blick der Liebe und des Erbarmens“ an: Wie Papst Franziskus ist also auch Franz von Sales von diesem „liebenden Blick“ Jesu fasziniert. Dieser „Blick der Liebe und des Erbarmens“ bewirkt bei Zachäus Umkehr und Wandel.

4) Jesus spricht Zachäus mit seinem Namen an: Auch das gehört für Franz von Sales zum „liebenden Blick“ Jesu dazu: Jemandem mit seinem Namen ansprechen heißt nämlich: Du bist mir wichtig und wertvoll.

5) Jesus beschenkt den Sünder mit seiner Gegenwart, in dem er sich in sein Haus einlädt. Was Franz von Sales dabei besonders gefällt ist die Tatsache, dass Zachäus „sofort gehorcht“. Diese Lektion sollen wir lernen, meint er: Ohne Zögern dem Willen Gottes gehorchen. „Es ist zu spät, zum Arzt zu gehen, wenn man gestorben ist“ meint Franz von Sales. „Zachäus war also gut beraten, dass er sogleich kam, um Unseren Herrn aufzunehmen.“

6) Die Gegenwart Jesu schenkt Heilung und Zachäus ist bereit, diese Liebe, die er durch Jesus erfahren hat, in vielfacher Weise durch sein eigenes barmherziges Handeln an die Menschen weiterzugehen. Wer die Liebe Gottes am eigenen Leib erfahren hat, kann einfach nicht anders, als diese Liebe weiterzugeben. Affektive und effektive Liebe – Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen. Dem Zachäus hätte niemand geglaubt, dass Gott ihm durch seine Liebe und Barmherzigkeit alle Sünden vergeben hat, wenn er diese Liebe und Barmherzigkeit nicht an die anderen weitergegeben hätte. Weil Zachäus das in „Überfülle“ tat, wird er und sein Haus zum echten Zeugen der Liebe Gottes in der Welt.

Abschließend möchte ich noch eine Geschichte erzählen, wie Franz von Sales mit den Zachäen seiner Zeit umgegangen ist:

Bei seinem Besuch in Sallanches im Jahre 1606 wollte ein junger Edelmann von 25 Jahren bei ihm beichten; er tat dies im Angesicht der vollen Kirche. Dabei weinte er so heftig und laut, dass auch der heilige Bischof sich der Tränen nicht erwehren konnte. Den Wartenden aber dauerte dies zu lange und man ließ ihm sagen, ,die Leute würden fortgehen‘; das wiederholte man dreimal mit wachsender Verärgerung. „Es ist besser“, gab Franz von Sales zur Antwort, „wenn die neun-undneunzig Schafe ein wenig zu leiden haben, als dass wir die Stunde Gottes versäumen, dieses verlorene zurückführen.“ Er beendete die Beichte in aller Ruhe und umarmte dann sein Beichtkind mit solch väterlicher Zärtlichkeit, dass alle sagten: „Es ist wirklich der Vater des verlorenen Sohnes.“ Dieser Edelmann folgte ihm noch mehrere Tage von Pfarrei zu Pfarrei und erbaute die ganze Provinz durch seinen Gesinnungswandel.

Ein eindrucksvolles Beispiel aus dem Leben des heiligen Franz von Sales zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. Amen.

P. Herbert Winklehner OSFS